Klassiker unter sich
Ziemlich sportlich, wie das Maxim Gorki Theater Kafkas «Amerika»-Roman liest: eine Textraserei, in der sich das achtköpfige Ensemble nicht nur den 16-jährigen Protagonisten Karl Roßmann reihum zuwirft, auf kreiselnder Drehbühne im Dauerlauf durch den Szenenparcours hechtet, von verzerrt-verfremdeter Sprechhaltung zu verbogenen Körpern switcht, getrieben von Kling-Klang-Klong-Geräuschen wie gute alte Flipperkugeln, die immer noch einmal den High Score brechen wollen. Kafka auf Speed.
Dabei war es nur eine Frage der Zeit, bis nach den zahlreichen Exil-Erzählungen des Hauses einmal die Perspektive umgedreht wird: Wie war das damals vor hundert Jahren, als nicht Europa das Wunschziel der vielen war, sondern die Europäer die Flucht ergreifen mussten vor Hunger und Verfolgung, vielleicht auch nur vor einem kleinen Skandal, wie der junge, gutbürgerliche Karl Roßmann aus Prag nach seiner Affäre mit dem Dienstmädchen. «Der Verschollene», so Kafkas ursprünglicher Titel, erscheint in New York aus dem Unterdeck eines Atlantikdampfers mit nichts als einem Regenschirm und einem Koffer, um in der fremden Welt mit ihren merkwürdigen Menschen und deren undurchschaubaren Regeln nur immer weiter ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
ROLLEN
Olivia, die älteste Schwester
Masha, die mittlere Schwester
Ivy, die jüngste Schwester
Andrew, der Vater der Schwestern
Natty, die Nachbarin der Schwestern
Soo Jin, die Pianistin
WOHNUNG/BÜHNE:
Wohnzimmer einer Berliner Altbauwohnung mit Parkett, Stuck, die Fenster gehen auf einen Garten hinaus, in dem Birken stehen. Im Zimmer steht ein Klavier/Flügel. Die...
Das Thema mag noch so groß sein, der Text noch so brillant, die Regie noch so originell – ob ein Stück auf der Bühne funktioniert oder nicht, hängt vom Ensemble ab. Und da ist dem Staatstheater Karlsruhe bei der deutschsprachigen Erstaufführung der absurden Komödie «Hir» ein Glücksgriff gelungen. Zwei junge Neuzugänge (Jannik Görger und Rumo Wehrli) und zwei...
Wenn Menschen Kinder kriegen, werden sie zu Schriftstellern. Kinder mögen es, wenn man ihnen beim Zubettgehen eine Geschichte erzählt, oft verlangen sie sogar danach. Bei den Geschichten, die sich Mütter und Väter im Kinderzimmer so ausdenken, handelt es sich in der Regel um Gebrauchsliteratur ohne besondere ästhetische Ansprüche und mit klar definiertem Zweck:...
