Kitzelnde Körperlosigkeit
Höhere Ehren gibt es nicht. Zum Geburtstag erhält Molière eine Briefmarke: Seit dem 17. Januar kann man in Frankreich seine Post mit Molières Porträt bekleben; süffisant im Dreiviertelprofil begutachtet er eine Szene aus dem «Eingebildeten Kranken». Am 15. Januar (wahrscheinlich) wäre der Theaterunternehmer, Schauspieler, schon zu Lebzeiten meistübersetzte und im In- und Ausland nach wie vor meistgespielte Franzose 400 Jahre alt geworden.
Großer Bahnhof also für den komödiantischen Nationaldichter.
Landauf, landab steht Molière auf den Affichen, und auch die Comédie-Française steht natürlich nicht zurück, das Nationaltheater, das historisch aus Molières Schauspieltruppe hervorgegangen ist und bis heute das einzige mit einem festen Ensemble geblieben ist. Sie nennt sich denn auch stolz und marketingbewusst «la Maison de Molière», Molières Haus, und ihn selbst in weißer alter Vätertradition den «Patron». Intendant Eric Ruff richtet dem Übervater bis Juli eine Saison Molière aus, in der sich anhand seiner Stücke, auch wenig aufgeführter, Molière à fond kennen lernen lässt, wenn auch nicht unbedingt in den aufregendsten Neuinterpretationen.
Vielversprechend lässt sich im Juni eine ...
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Theater heute März 2022
Rubrik: International, Seite 30
von Andreas Klaeui
Es geht immer um den einen Augenblick. Den Moment der Schönheit, den großen Moment der Mode, den der Gemeinschaft. Und um das Movens der Maskerade. Am Anfang behauptet Trajal Harrell keck aus dem Publikum heraus «I am Anna Wintour». Die Chefredakteurin der «Vogue» – ein gewisser Trajal Harrell habe sie angefragt, ob sie heute Abend nicht mittanzen wolle. Sie habe...
«Ich muss lesen, die ganze Vergangenheit wartet auf mich»
«Wo wohnen Sie, Madame?»
Die Protagonistin hat keinen Namen. Sie kommt als junge Schauspielerin nach Deutschland, «die sechs Putzfrauenrollen spielen und viele Bücher schreiben» und «am Ende geschlachtet» wird. Sie wohnt in Benno Besson, den sie «Meister Besson» und «mein Land» nennt. Sie wohnt in dem...
Bis eben war alles nachvollziehbar: Existenzangst, Angst vor Einsamkeit, vor Altersarmut, vor dem Bankrott im Lockdown, vor Heidi Klum, vor dem Tod – man kennt die Sorgen, die das schwarz gekleidete Ensemble, am hinteren Bühnenrand aufgereiht, aus Interviews mit Bonner Bürger:innen zitiert. Plötzlich ein Satz: «Was haben wir für eine Scheißangst», raunt jemand aus...
