Keine Annäherung
Zwei Kindheiten spiegeln sich ineinander – über Zeit und Entfernung hinweg –, treffen sich in Erlebnissen von teilweise heftiger Gewalt, werden jeweils zum Resonanzraum der anderen und dabei auch ein Stück weit transparent in ihrem historischen und sozialpsychologischen Kontext. Wenn das gelingt, kann dabei etwas aufgehen, ein lebendiger Widerstandsgeist, ein Gefühl der Solidarität zwischen Generationen, das sich bis in die Köpfe der Betrachter hinein fortsetzt.
Auf Vorschlag der Dramaturgin Viola Hasselberg hat sich die Schauspielerin Annette Paulmann für ihre erste Eigenregie im Werkraum der Münchner Kammerspiele mit den autofiktio -nalen «Erinnerungen einer Überflüssigen» der bayerischen Dichterin Lena Christ (1881–1920) angenommen. Die für damalige Verhältnisse ungewöhnlich offene Schilderung einer von harter Arbeit, physischer und psychischer Gewalt bestimmten Jugend und vor allem die lieblose, ja hasserfüllte Brutalität der Mutter gegenüber der Tochter, die gut in der Schule ist und schreiben will, erschüttern noch heute.
Und erinnerten Annette Paulmann mehr und mehr an ihre eigene, lange Zeit problematische Mutterbeziehung. Aus dieser Konstellation heraus – sowohl Lena ...
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Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen
Das schwindelerregende Verhältnis von Kunst und Terror hat schon vor gut zwanzig Jahren die Volksbühne auf einem sehr dünnen Seil tanzen lassen. Im Nachgang von 9/11 griff Dramaturg Carl Hegemann das Diktum des Komponisten Karlheinz Stockhausen auf, der den Al-Qaida-Angriff als «größtes Kunstwerk aller Zeiten» gepriesen hatte, dachte gemeinsam mit dem...
(1) Schalte den Fernseher aus. Schließ alle Medien und alle sozialen Netzwerke, die darauf angelegt sind, deine Gefühle aus kapitalistischen Motiven aufzustacheln. Öffne keine Videos, die dir deine Freunde privat schicken. Wenn sie etwas geschickt haben, dass sie im Innersten erschüttert hat, sind sie von vornherein nicht deine Freunde gewesen. Wenn du ein zu...
Nur langsam lichten sich die Nebel an diesem Klostermorgen, blechern dröhnt ein amerikanischer Popsong von irgendwoher. Bühnenbildner Wolfgang Menardi hat eine steril glänzende riesige Halle geschaffen, nur ein paar sakrale Fragmente weisen auf ein Kloster hin: hängende Holzbalken, Ikonenbilder, brennende Kerzen, eine Glocke. Und seltsam riesige dunkle Kugeln, die...
