Kein Schuss am Schluss

Tschechow «Iwanow»

Theater heute - Logo

Eines Tages, sagt er, habe er sich schlagartig verändert. Das muss wohl wahr sein, denn seither ist er ein pathologischer Fall und in Tschechows Menschenpanorama der einzige tatsächlich Depressive. Heute würde der Hausarzt seines Vertrauens ihm ein Medikament zur Mobilisierung der einschlägigen Neurotransmitter verabreichen, und es ginge ihm etwas besser. Zu Zeiten Tschechows allerdings musste einer wie Iwanow die Täler der Freud­losigkeit noch unerlöst durchwandern.



Am Ende ist er tot, und man könnte das, einer Schlussvariante Tschechows folgend, mit einem in Richtung Selbstmord deutenden Schuss zelebrieren. In Heidelberg legt Iwanow sich in dem Moment, da er angeblich noch einmal sein Glück mit der Gutsbesitzertochter Sascha versuchen möchte, ganz einfach zum Sterben auf den Boden und erlöst die Frauen von seiner Depression. Bis zu diesem Zeitpunkt war Daniel Stock ein Theatertier, das zwei Stunden lang mit dem unerklärlichen Verlust an Lebens- und Liebeslust kämpfte. Ein Wolf, der in die Falle geriet, als er dereinst die Jüdin Anna Petrowna heiratete, die daraufhin von ihren Eltern verstoßen wurde und die er heute ganz einfach nicht mehr liebt. Zu seiner Entkräftung trägt bei, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2009
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Jürgen Berger

Vergriffen
Weitere Beiträge
Veni, Vidy, Vici

Seit 19 Jahren leitet René Gonzales das Théâtre de Vidy in Lausanne und hat es zu einer in Europa einzigartigen Produktions­stätte gemacht. Das Haus hat kein eigenes Ensemble, aber es produziert und koproduziert unentwegt – bis zu drei Dutzend Inszenierungen sind pro Spielzeit zu sehen, und mit den vielen Gastspielen in aller Welt kommt das Thea­ter auf gut 400...

Netze und Töpfe

Besonders gut gefallen hat den 140 Teilnehmern der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Erlangen das Bild von dem Haus, das ab und zu einmal gelüftet werden muss. Der Kulturmanager Roger Christmann aus Brüssel hatte es vor ihren geistigen Augen aufgebaut, als er darüber sprach, dass für Theaterleute nichts schlimmer sei, als sich in den eigenen vier...

Freundliches Feuer

Es geht um den Krieg an sich und Figuren, die in heutigen kriegerischen Situationen eine Rolle spielen können. Der Marineinfanterist Tom zum Beispiel könnte in einem Nato-Einsatz unterwegs sein. Scharfschütze Sky dagegen würde sein «Geschäft» aus dem Hinterhalt wohl eher in bürgerkriegsähnlichen Situationen ohne NATO-Beteiligung erledigen. Tom allerdings hat genug...