Jetz lenk nich ab!

Paul Plamper erhält den «Hörspielpreis der Kriegsblinden» für «Ruhe 1», ein Improvisations-Experiment mit Irm Hermann, Judith Engel, Matthias Matschke und Laien

Theater heute - Logo

Die Szene ist ein Restaurant am Abend. Draußen, vor dem großen Schaufenster, prügelt ein Mann auf eine Frau ein. Alle schauen hin – keiner macht was. Aber jeder sagt was anderes dazu. An elf Tischen verstummt für einen Moment die Unterhaltung, um dann das Ereignis zu bewerten oder eigenes Nichthandeln zu erklären. Da ist zum Beispiel die ältere Dame von auswärts, die sich indigniert abwendet und lieber auf den Banana-Split freut. Am Tisch von vier Jugendlichen hört man «voll Hartz IV» und «nimm mal auf!».

Während ein kleiner Junge laut ruft «Die kloppen sich!» und die Mutter ihm erklärt, warum der Papa da besser nicht hingeht. Bestimmt kommt ja sowieso gleich die Polizei und regelt alles – Verantwortungsdiffusion.

Diese Frage nach der Zivilcourage auf offener sozialer Bühne steht im Zentrum des Hörspiels «Ruhe 1» von Paul Plamper, der damit ein Stück ohne Script inszeniert hat. Entstanden sind die einzelnen Tischszenen nach dem Prinzip der gelenkten Improvisation. So kann Irm Hermann ihrer genervten Bekannten (Cristin König) von dem süßen Hundchen eines Obdachlosenzeitungsverkäufers in der U-Bahn vorschwärmen, während sie zugleich herrisch ablehnt, auf die Situation näher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2009
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Thomas Irmer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Leben zwischen Gräbern

Eine verkehrte Welt ist das, diese Welt nach dem Krieg. Die Toten mischen sich unter die Lebenden, Identitäten lösen sich auf in einem Meer von Ungewissheiten, und überall streunen Hunde herum, werden zu ersehnten Kindern, Hoffnungsträgern oder unheilvollen Wider­gängern.

Auch wenn der reale Krieg kein ausdrück­liches Thema in Biljana Srbljanovics Auftragsstück für...

Fliegen und landen

Dreimal genäht hält besser, mag sich Nina Ender gedacht haben, als sie den Alptraum des Wissens in gleich drei Fälle gebannt hat, die sie lebens- und erzähltechnisch aufwändig verknüpft. Die Französischlehrerin Paula hatte eine Spätabtreibung wegen einer Trisomie-21-Diagnose, die sie gehörig aus der psychischen Bahn wirft. Schlimm. Außerdem ist sie mit einem...

Fukuyamas Handtasche

Was ist eigentlich aus dem «Ende der Geschichte» geworden? Dem amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama zufolge hat es bereits vor zwanzig Jahren stattgefunden, als sich der Weltgeist nach langem Ringen im Kalten Krieg schließlich für Kapitalismus und Demokratie entschied. Seither leben wir im Posthistoire – und haben vor allem Geschichte im Kopf.

Wenn...