Fliegen und landen

Nina Ender «Die Wissenden»

Theater heute - Logo

Dreimal genäht hält besser, mag sich Nina Ender gedacht haben, als sie den Alptraum des Wissens in gleich drei Fälle gebannt hat, die sie lebens- und erzähltechnisch aufwändig verknüpft. Die Französischlehrerin Paula hatte eine Spätabtreibung wegen einer Trisomie-21-Diagnose, die sie gehörig aus der psychischen Bahn wirft. Schlimm. Außerdem ist sie mit einem Neurochirurgen verheiratet, dessen Spezialität autistische Superbegabungen sind und der ausgerechnet den Bruder einer Schülerin seiner Frau zum Vorzeige-Savant aufbaut, statt ihn in Ruhe seine Lieblingstiere kneten zu lassen.

Auch nicht schön. Dann gibt es da noch Eva, die ihren krebskranken Vater zur Sterbehilfe nach Zürich begleitet hat und darüber so traurig wird, dass sie ebenfalls sterben will. Sehr schlimm. Dass außerdem Paulas Mutter zu­nehmend dement wird, kommt erschwe­rend hinzu.

Das Debütstück der Studentin im Kurs Szenisches Schreiben der UdK Berlin fasst die lebensnah alltagsunwahrscheinliche Geschichte in einen Wechsel aus leise schwingender Vers-prosa und expressionistelnd abgehackten Dialogen, was die Regieaufgabe nicht einfacher macht.

Ernst-Busch-Regiestudent Jan-Christoph Gockel löst sie in seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2009
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Leben zwischen Gräbern

Eine verkehrte Welt ist das, diese Welt nach dem Krieg. Die Toten mischen sich unter die Lebenden, Identitäten lösen sich auf in einem Meer von Ungewissheiten, und überall streunen Hunde herum, werden zu ersehnten Kindern, Hoffnungsträgern oder unheilvollen Wider­gängern.

Auch wenn der reale Krieg kein ausdrück­liches Thema in Biljana Srbljanovics Auftragsstück für...

Gefeiert wird später

Eine Löwin, eine «niederbayerische Löwin», «Nachbarin Courage» und, natürlich, «Mutter Courage des Volkstheaters» wurde sie, schon in den Überschriften der Nachrufe, tituliert. «Die Mama ist tot», war zu hören, und man rief Zeitzeugen ins Gedächtnis: Bei Brecht habe sie im Berliner Ensemble gearbeitet und bei Peter Stein in der Berliner Schaubühne, zusammen mit...

Moral als Fetisch

Was tun, wenn das Leben nach dem Lustprinzip einen Sättigungsgrad erreicht hat, der jede Steigerung zur Mühsal werden lässt? Wenn Ausschweifung nur noch anstrengend ist und nicht einmal die Macht mehr müde Männer munter macht? Man könnte sich entspannt zurücklehnen und einfach abwarten, bis sich die Libido von selber wieder regt. Oder man inszeniert – um die...