Ja, mach nur einen Plan
Bescheidenheit sieht anders aus: Ein brüllend bunter MGM-Löwe auf dem Titel fletscht seine makellosen Eckzähne dem Publikum entgegen. Der Spielzeitprospekt des Zürcher Schauspielhauses ist mit reißerisch noch zurückhaltend beschrieben und legt auch keinen Wert auf lange Haltbarkeit. Papier und Format wie eine Tageszeitung, die Motive im Stil von Bollywood-Plakaten. Dazu für jedes Stück eine kurze Inhaltsangabe und eine Überschrift wie vom «BILD»-Balken.
Auf der mittleren Doppelseite das eindrucksvolle Ensemble im nämlichen Stil porträtiert, unter ihnen ein diabolisch grinsender Michael Maertens mit Piratenbart. Der nicht als Rampenflüchtling bekannte Schauspieler hatte passenderweise unlängst einem «Stern»-Reporter in die Feder diktiert, er sei schließlich nicht Schauspieler geworden, um sich hinter einer Säule zu verstecken.
Das Allerunbescheidenste am auffälligsten Spielzeitheft der neuen Saison ist aber noch etwas ganz anderes: kein einziger zusammenhängender Gedanke! Nicht mal ein zugewandtes Intendantenvorwort! Jede Produktion steht für sich allein, kein Spielplankonzept wird seine Schwimmflügelchen ausbreiten und sie in schwerer See wenigstens in den Pantheon der ...
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Weit entfernt in der Dämmerung tapern Figuren übers brache Land, kommen zueinander und verlassen sich, kaum erkennbar erschlägt da wer wen, andere haben Sex (sieht nicht einvernehmlich aus), hier und da meint man, den Faden einer brutalen, aber völlig stummen Geschichte in die Hand zu bekommen, greift daneben oder hält ihn kurz, bevor er durch die Finger rutscht...
Schlafsacklarven säumen die Mönckebergstraße zwischen Hauptbahnhof und Thalia Theater. Verschanzt hinter Plastiktüten und Bierflaschen liegen sie in den verschlossenen Eingängen zu Zara und Vattenfall und erinnern die Sonntagsspaziergänger daran, dass nicht jeder auf dieselbe Weise in der Shoppingwelt ankommt. Kurz darauf im Theater: alles voller Schlafsacklarven....
Auf den ersten Blick: Das gute Zimmermannshandwerk soll es also richten. Johan Simons hat seine «Vergessene Straße» aus Sperrholz quer in die Jahrhunderthalle Bochum gebaut, gut zwanzig Meter lang. Betont karge Häuserfronten, die teils wie Schiebetüren zu handhaben sind, bieten sich den Publikumstribünen zu beiden Seiten dar. Nach oben schließt die Straße durch...
