Ist sie ein Monster?

Sandra Hüller spielt in Justine Triets philosophischem Gerichtsdrama «Anatomie eines Falls» eine Autorin, die wegen Mordes an ihrem Mann angeklagt ist

Theater heute - Logo

Ein lichtdurchflutetes Chalet in den französischen Alpen. Die erfolgreiche Autorin Sandra Voyter (Sandra Hüller) bricht das Interview mit einer Studentin ab, als ihr Mann Samuel im Stockwerk darüber ohrenbetäubende Musik in der Dauerschleife laufen lässt. Die Kamera zeigt abwechselnd Sandra auf der Couch, ein Glas Rotwein in der Hand, und ihr irritiertes Gegenüber. Anscheinend würde Sandra ohnehin lieber mit ihrer Gesprächspartnerin flirten, als über das Verhältnis von Realität und Fiktion in ihren Romanen zu sprechen.

Zwischendurch springt die Szenerie zu Sandras elfjährigem Sohn Daniel (Milo Machado Graner), der seinen Hund wäscht. Erst später erfährt man, dass der Junge sehbehindert und Snoop ein Blindenhund ist. Als Daniel von einem Spaziergang mit ihm zurückkehrt, entdeckt er vor dem Haus seinen toten Vater. Weinend ruft er seine Mutter, die als einzige potenzielle Zeugin von dessen Sturz aus dem dritten Stock anscheinend nichts mitbekommen hat.

Regisseurin Justine Triet zeigt bis zu diesem Punkt im diesjährigen Cannes-Siegerfilm «Anatomie eines Falls» konsequenterweise nur Szenen, in denen die beiden Familienmitglieder vorkommen, die als Überlebende auch potenzielle Zeugen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Gott ist ein Abgrund

Nur langsam lichten sich die Nebel an diesem Klostermorgen, blechern dröhnt ein amerikanischer Popsong von irgendwoher. Bühnenbildner Wolfgang Menardi hat eine steril glänzende riesige Halle geschaffen, nur ein paar sakrale Fragmente weisen auf ein Kloster hin: hängende Holzbalken, Ikonenbilder, brennende Kerzen, eine Glocke. Und seltsam riesige dunkle Kugeln, die...

Volle Kanne Frauenpower

«Trau keinen Männern! Falsch sind sie alle!» Das musste Anna Bergmann nicht hineinschreiben in ihre Neuinszenierung von «Romeo und Julia». Denn es steht schon bei Shakespeare. Julias Amme sagt es, in ihrer Totenklage um Julias Vetter Tybalt. Aber es bleibt leider aktuell, wie etwa das Stück «Montag» zeigt. Dort verstecken sich Faith und Novella in einer...

Schmerzliche Leerstelle

Ich wünschte, Metin, man könnte Erinnerungen einfangen. Wie Insekten, die ein Eigenleben haben, einen eingebauten Instinkt, der sie leitet.» Arda, Protagonist von «Vatermal» und lebensbedrohlich erkrankter Literaturstudent, hat im Krankenhaus plötzlich Zeit und Druck, sich zu erinnern. Auch Mutter Ümran und Schwester Aylin, die sich am Krankenbett sorgfältig...