Gott ist ein Abgrund

Johan Simons inszeniert die «Brüder Karamasow» in sieben Stunden auf mehreren Bühnen mit Abendmenü

Theater heute

Nur langsam lichten sich die Nebel an diesem Klostermorgen, blechern dröhnt ein amerikanischer Popsong von irgendwoher. Bühnenbildner Wolfgang Menardi hat eine steril glänzende riesige Halle geschaffen, nur ein paar sakrale Fragmente weisen auf ein Kloster hin: hängende Holzbalken, Ikonenbilder, brennende Kerzen, eine Glocke. Und seltsam riesige dunkle Kugeln, die beim näheren Hinsehen abgeschlagene Zwiebeltürme sind.

Denn darum, ob es einen Gott gibt oder ob er nicht vielmehr schon lange tot ist – und was das für den Menschen bedeutet –, dreht sich das ganze lange Stück, sieben Stunden lang, 130 Seiten, destilliert aus den 1200 der Vorlage.

Vertraut sitzt Aljoscha, jüngster Karamasow-Bruder, zu Beginn bei der (hier weiblichen) Stariza, der Einsiedlermönchin, Aljoschas letzter spiritueller Orientierung, aber todkrank und blass in ihrer weißen, weiten Kleidung. In stoischem Gleichmut und erhabener Stille schlurft Elsie de Brauw über die Bühne, an ihrer Seite trottet ein echter Hund, Trost der Unschuld und letzten Geborgenheit.

Auftakt im Kloster
Was sie Aljoscha mitgeben wird, ist unerfüllbar: den Nächsten «tätig und unermüdlich zu lieben», Gutes zu tun, Streit zu schlichten – und möglichst bald zu heiraten. Nicht so ganz einfach ist das, wenn der verlotterte brutale Vater Fjodor – Pierre Bokma zeigt ihn als schmierigen Angeber und melancholischen Sadisten – und die krawalligen Brüder in die Kloster-Idylle einbrechen. In dieser Familie geht es ständig um alles: um Geld aus der Erbschaft, um Iwans Zeitungsartikel, um die von Dmitrij wie besessen begehrte Gruschenka. Es rast, es wuselt hektisch, es brüllt und wird stets existienziell.

Doch vor allen von Aljoscha Karamasows wachsenden Zweifeln an Gott erzählt der erste Teil dieser langen Theaterreise im Schauspielhaus Bochum, und bei Dominik Dos-Reis ist der jüngste Karamasow-Bruder mehr als gut aufgehoben: ein sanfter und suchender Lockenkopf in bordeauxrotem Gehrock voll innerem Druck und Angst vor den eigenen Abgründen, verkrampft und verrenkt, als ihn die resolutlistige Lise im Rollstuhl (Danai Chatzipetrou) zur Liebe bringen will. Und dann ist da ja auch noch Bruder Iwan, vermeintlich über den Dingen stehend, aber heimlich verliebt in Dmitrjis Verlobte (Jele Brückner): Steven Scharf spürt man den kalten Selbstschutz des überheblichen Intellektuellen an, der doch gerade dadurch den Vatermord auslöst.

Fjodor Dostojewskis letzter großer Roman «Die Brüder Karamasow» erschien im Jahr 1880, ein paar Monate vor seinem Tod nach einem bewegten, brutalen Leben samt Strafkolonie, Spielsucht, Liebeswahnsinn, Kindstoden, Geldnot. Vieles davon hat der Autor im Roman verarbeitet, der eine tiefenpsychologische Fami -lienstudie ist von vier mutterlosen Söhnen und ein Whodunit-Krimi zugleich. Denn Vater Fjodor wird umgebracht, und der falsche Verdächtige wird verurteilt.

Bei Johan Simons geschieht das erst ganz am Ende von sieben Stunden Spielzeit, inklusive Abendmenü. Eigentlich wissen wir längst, dass es nicht der angeklagte, labil-cholerische Dmitrij gewesen sein kann, sondern verdächtigen längst den ungeliebten unehelichen Sohn und Stiefbruder Smerdjakow. Der erscheint im ersten Bochumer Karamasow-Teil nur als fernes Videobild, im Hause Karamasow ist er lediglich als Diener präsent. Einsam sitzt er rauchend in der Küche oder werkelt an einer Arbeitsplatte – wird da bereits das Abendessen für die Zuschauer gekocht? Oliver Müller spielt den ewig Zukurzgekommenen immer mit einer zweiten, verschlagenen und zugleich sehnsüchtigen Ebene, und doch wird man am Ende seine Rache verstehen können, als er wie beiläufig ein Messer aus der Küche mitnimmt.

Reise in die Familienabgründe
Auch Regisseur Simons hat, wie Dostojewski, biografische Parallelen in dieser Geschichte, wie er selbst zu Protokoll gibt. Auch er hat zwei Brüder, ist Sohn eines Trinkers und Spielers. Man kann die sieben großen, langen Stunden im Schauspielhaus Bochum aber auch ohne dieses Wissen als eine Recherche in die Abgründe einer Familie lesen – und zugleich als Auseinandersetzung mit fundamentalen Fragen. Wie weiterleben ohne spirituelle Orientierung? In welche Verrohung geht eine Welt, in der es keinen Kompass mehr gibt? Was bleibt von Moral, wenn der Himmel leer ist – und was macht man damit, wenn Geldnot herrscht und die Liebe einschlägt?

Beim Bruder Dmitrij Karamasow etwa wird sie schnell bedeutungslos. Victor Ijdens lässt die Traumata seiner Figur zitternd, eifernd, fast schutzlos transparent durchscheinen: Ein Choleriker, der sich rasend in die verführerisch-materialistische Gruschenka verliebt, geldgierig, egomanisch – und zugleich ein kleiner verlassener Junge, ein unstetes, unverlässliches, aber vor allem liebebedürftiges Riesenbaby. Als er von den Nüssen erzählt, die ihm einst geschenkt wurden, schwankt er zitternd zwischen Weinen und hysterischem Lachanfall – Kindheitserinnerungen als Minenfeld.

Es gäbe viel zu erzählen über die präzise, sensible Schauspielkunst dieses Abends, der einen in menschliche Abgründe zieht wie eine Netflix-Serie; jede Figur und ihre Eigenheiten erhält hier große Räume und Assoziationswelten. Besonders nahe rücken wir ihnen, als das Publikum nach den ersten zwei Stunden über die Bühne des Schauspielhauses zu den Kammerspielen geführt wird, vorbei an den Garderoben, der zerzauste Dmitrji beugt sich in seiner Kammer über ein Buch. Und da ist sie endlich, die Küche, fotorealistisch perfekt und detailverliebt auf die Bühne der Kammerspiele gesetzt, Chromschränke, Familienfotos und Wasserhähne. Hier werden Kohlköpfe zersäbelt, echte Fischsuppe gekocht und das Gefühl erzeugt, bei den Karamasow-Konflikten direkt mit am Tisch zu sitzen.

Gruschenka Anne Rietmeijer
So tief dringt Johan Simons in die existenziellen Fragen des Romans ein, dass die Stunden wie im Flug vergehen. Immer wieder bricht eine irreale Traumebene ein, flackert das Licht, bricht das Ensemble in irre Choreografien zu amerikanischen Songs aus. «Bang Bang» singt Nancy Sinatra sanft, als sie sich mal wieder in der Küche die Köpfe einschlagen, ein Ausbruch aus verletztem Stolz, Kindheitskummer, Lust am Chaos. Dmitrij giert nach Gruschenka, die sich ihm listig und machtbewusst immer wieder entzieht – provokant und unvorhersehbar irrlichtert Anne Rietmeijer durch die Männerfantasien und wird zur Dompteurin der eigenen Freiheit. Das russisch geblümte Schultertuch trägt sie als neckischen Rock, steckt einfach mal so ihren Kopf in den Kochtopf, springt auf die Küchenplatte oder reißt den Kühlschrank auf – und galoppiert zu russischer Klassik hin in imaginäre Weiten, zu Geld, Liebe und Ruhm und einem fremden Soldaten, bloß weg von den selbstquälerischen Dorfdeppen. Um am Ende dann doch wieder reumütig zu Dmitrij zurückzukehren.

Rietmeijer spielt das schlafwandlerisch selbstsicher, bildet einen eigenen Raum an diesem Abend. Und dann werden wir irgendwann ins Rangfoyer geleitet, zur prächtigen Speisung an weißgedeckten Tischen: Borschtsch, Quiche und Pannacotta gibt es sowie die Möglichkeit, sich mit begeisterten Mit-Zuschauern auszutauschen – der Abend ist nicht zuletzt auch ein gemeinschaftliches, zutiefst ernstgemeintes, mit der Kraft von Theater versöhnendes Erlebnis.

Wieder im Schauspielhaus angekommen, liegt Schnee auf der Bühne, der Vater still in der Ecke. Die lethargischen, verwirrten Seelen irren weiter durch die monströse Welt, letzte menschliche Wahrhaftigkeit kann nur noch ein Kind transportieren, am Premierenabend ist es die gefühlt zwölfjährige Mina Skrövset, die mit kindlicher Stimme philosophische Monstrositäten verkündet. Ganz am Ende erscheint Elsie de Brauw wieder, diesmal nicht als Staniza, sondern als dämonische Teufelsgestalt mit irren Kontaktlinsen, und lässt jene transzendenten Dinge anklingen, die mit Worten nicht zu fassen sind.

Russische Paradoxien
Warum hat der Mensch diese Sehnsucht nach dem Bösen, nach dem Unglück? Warum reichen ihm Frieden, Glück und Harmonie einfach nicht? Oder ist diese lustvolle Selbstzerfleischung, jenes psychologische Paradox, das Dostojewski in größter Meisterschaft beschrieben hat, gar ein vornehmlich russisches Phänomen? Denn natürlich kann man heute keinen Dostojewski-Abend mehr sehen, ohne an die Ukraine zu denken. Die auf der Bühne indes keinen Raum hat. Nur im Programmheft äußert sich Wolf Lepenies zu der Polemik der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko, zuerst veröffentlicht in «Times Literary Supplement» und «NZZ». Nach ihr werde in Putins Angriffskrieg das «pure Dostojewskitum» sichtbar, Eigenschaften, die auch im heutigen Russland den Enthusiasmus für die mörderische «Spezialoperation» fördere.

Milan Kundera fasste sie einst genauer, als er bei Dostojewski jenes Universum der trüben Tiefen und aggressiven Sentimentalität verurteilte: «Die edelsten Gefühle müssen den größten Horror rechtfertigen, und der Mensch, die Brust geschwellt von lyrischer Inbrunst, begeht im Namen der Liebe die schlimmsten Grausamkeiten.» Seltsam gut beschreibt dies die fiebrige, autoaggressive Stimmung, die auch Johan Simons in diesen kurzen, langen sieben Stunden beklemmend, betörend einfängt, über alle Längen hinweg. Ein Meisterwerk.

NÄCHSTE VORSTELLUNGEN: Die Brüder Karamasow, Schauspielhaus Bochum: 9., 10. Dezember www.schauspielhausbochum.de


Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Dorothea Marcus

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