Intendanten küsst man nicht
Intendanten sind auch Menschen» – mir schießt die Schamröte ins Gesicht. «Es sind ja nur 200 Mark im Monat mehr Gage, die ich will, weit unter dem Kollektivvertrag der Müllabfuhr.» Die 70er waren düstere Jahre, aber die Straßen der Künstler glitschig, ausrutschen hieß noch nicht untergehen, und Nacktheit wurde zur verspielten Erotik. Die Nebel zogen durch die Straßen Hamburgs, lösten sich auf und legten die Spuren der Sehnsucht einer gierigen Nacht frei.
Mein Hamburger Intendant, landesweit gerühmt als der Klügste seines Fachs, ließ seinen Kopf im Intendantenbüro auf den Schreibtisch sinken. Mit der rechten Hand verdeckte er seine Stirn und atmete etwas zu dramatisch. Kein günstiger Moment, mehr Gage zu verlangen, dachte ich mir, während der Intendant langsam seinen Kopf anhob und mir demonstrativ sein Blut auf der Stirn zeigte, als würde er sagen: «Wie können sie es nur wagen, 200 Mark Gagenerhöhung zu verlangen!»
Dann nahm er die Hand von den Augen, und erst jetzt wurde die Tragik eines Intendantenlebens sichtbar. Zwei Tränen, für jede mussten es wohl 100 deutsche Mark gewesen sein, kullerten im Rhythmus eines Mozartwalzers über sein zartes Gesicht und benetzten meinen ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Peter Kern, Seite 36
von Peter Kern
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