Indianer spielen geht nicht mehr

Beobachtungen zur identitätspolitischen Debatte um Robert Lepages «Kanata»

Zu Jahresbeginn fanden in Lenapehoking mal wieder zahlreiche Theaterfestivals statt. Auch «Under the Radar», dessen Symposium diesmal eröffnet wurde mit einer Runde von 70 schweigend im Kreis stehenden Kuratoren aus der ganzen Welt, die bei geschlossenen Augen einer Vertreterin der Lenape, der Urbevölkerung von New York City, andächtig lauschten.

Sie erinnerten an vorkoloniale Zeiten und Zustände, denn die Stadt mitsamt all ihrer Museen und Theater steht schließlich auf gestohlenem Land, dessen ursprüngliche Bewohner (von unsereins) vertrieben wurden; deren Zugehörigkeit oder sogar Identität damit ausgelöscht wurde, oft auch deren physische Existenz. Die Neue Welt besinnt sich ihrer Vorgeschichte, ihrer «First Nations», und erkennt dabei explizit die Illegitimität der eigenen territorialen und materiellen Existenz an. 

Meanwhile im Bois de Vincennes im Osten von Paris ist noch bis Mitte Februar das neue, umstrittene Stück von Robert Lepage zu sehen: «Kanata – Épisode I – La Controverse». Im berühmten Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine, das seit jeher das Beste von jener Alten Welt verkörpert, die einstmals die Neue begründete, indem sie über den Atlantik segelte und – u.a. – den Lenape Lenapehoking wegnahm. Denn als das beste, rare, ja akut vom Aussterben bedrohte Gut dieser Alten Welt betrachten wir heute unseren aufklärerischen Geist, den Humanismus und den kosmopolitischen Universalismus. Die Menschenrechte! Den europäischen Menschheitstraum von einer gerechten Welt. Denn am europäischen Wesen sollte diese Welt genesen, und es gehört zur Ironie der Geschichte, dass wohl niemand so viel Unheil und Barbarei in die Welt gebracht hat wie die derart gutmeinenden Europäer.  

Zwei Welten

In Bewusstsein dieses Paradoxons arbeitet Mnouchkine seit 54 Jahren mit ihrem Sonnentheater – und erzählt mit Menschen aus aller Welt Geschichten aus aller Welt über eine mögliche gemeinsame Welt. Auch Lepage sollte mit diesem fast fünfzigköpfigen multikulturellen Kollektiv ein Stück entwickeln. Der Frankokanadier entschied sich dafür, die zeitgenössische Geschichte einer Atlantiküberquerung aus der Alten in die Neue Welt zu erzählen, und dabei die Neuankömmlinge auf just jene indigenen Nordamerikaner treffen zu lassen, deren Vorfahren als «Indianer» den Europäern Platz machen mussten. Folgt man Lepages Erzählung, so dauert die Landnahme bis heute an. Ebenso wie das Verschwinden der First Nations People. 

Mit den Indigenen, Lepage und Mnouch­kine sind in dieser Arbeit (und in den konfliktträchtigen Vorbereitungen dazu) auch die Vertreter zweier Welten aufeinander getroffen, welche sich in der Frage der ethisch vertretbaren wie ästhetisch notwendigen künstlerischen Vorgehensweisen in den vergangenen Jahrzehnten stark voneinander entfremdet haben. Auf den nord- amerikanischen, insbesondere von der «Critical Whiteness»-Bewegung artikulierten Vorwurf der «Cultural Appropriation», also des illegitimen Verwendens, Entkontextualisierens und Kommerzialisierens der Zeichen und Narrative kolonisierter, diskriminierter oder autochthoner Völker und Minderheiten vor allem durch die weißen Nachfahren der Kolonisatoren (und ohne die Mitwirkung von Indigenen), antwortet die universalistische, utopisch und genialisch denkende Theaterfrau mit ihrem seit 1964 bestehenden multikulturellen Kollektiv, dem Schauspielerinnen und Schauspieler aus aller Welt (allerdings keine autochthonen Nordamerikaner) angehören, kopfschüttelnd: Das sind Kunst und Theater doch immer und per se. Sonst dürfte Hamlet ja nur von Dänen gespielt werden. Und sei es für kritische Distanz und Erkenntnisgewinn nicht sogar besser, wenn er gerade nicht von Dänen gespielt würde? 

Sind solch unterschiedliche Kulturkonzepte noch vereinbar, zumindest verhandelbar? Und wenn nicht, wie umgehen mit der Unvereinbarkeit? Argumentativ fiel es dem Kanadier Lepage jedenfalls längst nicht so leicht wie Mnouchkine, auf die schon im vergangenen Juli erhobenen Vorwürfe zu reagieren. Insbesondere ein offener Brief autochthoner kanadischer Künstler und ein anschließendes Treffen mit dessen Autoren machte ihm wohl zu schaffen. Die Betroffenen beklagten, nicht als Darsteller an der Produktion beteiligt, mit ihren Einwänden nicht ausreichend wahrgenommen worden zu sein. «Man erfindet uns, man ahmt uns nach, man erzählt uns … Vielleicht reicht es uns, stets nur den anderen zuzuhören, wie sie unsere Geschichte erzählen?» Lepage sagte «Kanata» zunächst ab. Im September wurde eine reduzierte Version angekündigt, eine «erste Episode», die sich die Kontroverse selbst zum Thema mache. Bei diesem Anlass nach dem Begriff der «kulturellen Aneignung» gefragt, antwortete Mnouchkine: «Kulturen gehören niemandem, sie haben keine geografischen Grenzen und auch keine in der Zeit. Die Geschichten von Gruppen, Ethnien und Nationen lassen sich nicht isolieren oder patentieren; sie sind Bestandteil der großen Geschichte der Menschheit. Und die ist das Territorium der Künstler.»

Künstlerisch jedenfalls hat Lepage die «Kanata»-Krise wenn schon nicht gemeistert, so doch auf bemerkenswerte Weise eingefangen. Indem er sie einfach erzählt hat, aus verschiedenen Perspektiven und in sich überlagernden, durchaus auch widersprechenden Bildern, übersetzt in komplexe und disparate Figurenkonstellationen, in nie ganz mit sich und ihrer Herkunft identische Charaktere, die nie ganz integre oder konsequente Entscheidungen fällen. Nicht vorrangig seine eigene Situation, sondern den Gegensatz an sich hat Lepage damit inszeniert, abstrahiert und exemplarisch erlebbar gemacht, in all seiner Unauflöslichkeit und deshalb auch Absurdität. 

Eine erweiterte Fassung finden Sie in Das Theatermagazin 2/19.


Theater heute Februar 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Matthias Pees