In Zeichenhimmel und -hölle
Nach dem langen Premierenschlussapplaus setzt sich Shlomi Shaban, zuständig für «Songwriting und Komposition», noch für eine Zugabe ans Klavier und versammelt alle auf der Bühne um sich. Man müsse «Bucket List», den einzigen Song, der es nicht in die Inszenierung geschafft habe, wenigstens auf diese Weise anständig beerdigen. Es folgt eine leicht wehmütige Balla -de übers einsame Nachdenken alternder Großstadtbewohner, was sie in ihrem Leben überhaupt noch so anstellen wollen. Was verpasst? Was wäre noch drin?
Dabei ist «Bucket List» (dt.
«Wunschzettel») nicht irgendein Song, der während der Proben rausgeflogen ist, sondern wohl die dramaturgische Klammer, die Yael Ronens erste Inszenierung zurück an der Berliner Schaubühne nach über einem Dutzend Jahren am benachbarten Gorki Theater hätte zusammenhalten sollen. Und der Titelsong sowieso. Doch dann kam der 7. Oktober mit dem Massaker der Hamas, weit über 1000 Toten und dem darauf folgenden Krieg in Gaza.
Nun beginnt «Bucket List» am Premierentag des 9. Dezember mit «War sings», einer düster-trotzigen Kriegshymne und bitteren Abrechnung zugleich, die mit dem Aufruf, sich dem Kampf anzuschließen, die Katastrophe heraufziehen sieht. ...
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Theater heute Februar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Im Hintergrund hört man zu Beginn eine Masse jubeln. Ist es ein harmloses Fußballspiel? Oder sind es die Hinrichtungsexzesse der Französischen Revolution? Egal, in Nadja Sofie Ellers aseptischem Bühnenbild – eine Mischung aus leerem Anatomiesaal und Zirkusmanege – ist die Außenwelt ohnehin nur als fernes, surreales Echo präsent.
Die Revolutionäre leben längst in...
Manche Themen haben leider immer Konjunktur. Dazu zählt etwa das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, das sich vor allem in der Abtreibungsfrage konkretisiert. Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA im Juni 2022 mit konservativer Mehrheit das Grundsatzurteil Roe-Wade aufgehoben hat und auch die alte polnische Regierung die Abtreibungsregeln massiv verschärft hat,...
Treffen sich vier Avatare. Und reden, darüber, was eben so ansteht in der virtuellen Realität: das eigene Aussehen. Der Kapitalismus. Oder wer eigentlich «Kiuri» (Sylvana Seddig) ist, ein Wesen, das anscheinend eine Funktion hat in diesem Metaversum namens «No Horizon». Gesichert ist, dass Kiuri die Musik komponiert hat, die einen leise umsummt (in Wahrheit stammt...
