In Gewaltverhältnissen
Man muss der Dramaturgie des Deutschen Schauspielhauses Respekt zollen. Als entschieden wurde, eine Dramatisierung von Annie Ernaux’ Roman «Das Ereignis» als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne zu bringen, war nicht klar, dass die Autorin 2022 den Literaturnobelpreis erhalten und sich der Abend – inszeniert von Regieassistentin Annalisa Engheben im winzigen Rangfoyer – tatsächlich als Theaterereignis erweisen würde.
Angesetzt war die Premiere, weil Ernaux schon lange als Meisterin des autofiktionalen Erzählens galt und damit als formale Vorläuferin des nicht zuletzt auch am Schauspielhaus gespielten Édouard Louis, der aus der eigenen Biografie Schlüsse auf die gesellschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart zieht.
Im 2000 erschienenen Roman «Das Ereignis» beschreibt Ernaux, wie sie 1964 als Literaturstudentin in der französischen Provinz un -gewollt schwanger wurde und daraufhin einen damals illegalen Schwangerschaftsabbruch vornehmen ließ. Das drastisch beschriebene Geschehen korrespondiert mit den Versuchen der Protagonistin, aus der Arbeiterklasse aufzusteigen, und parallel dazu dem Zurückgeworfensein auf die eigene Scham und die Ignoranz der Umgebung – sie begegnet ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Falk Schreiber
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