Immer schön gebrüllt
So sehen pubertäre Träume aus: Die eigene Mutter vor einer großen Menschenmenge bloßstellen mit bohrenden Fragen nach ihrer Kindheit im Nationalsozialismus; auf ein monströses Eisernes Kreuz steigen und mit gestrecktem Arm «Heil Hitler!» ins Volk brüllen; und schließlich mit der Macht des Mikrofons ausgestattet raunende Welt- und Selbsterklärungen an staunende Zuschauer diktieren – «Roaaaahrrr!», der zornige Junge im freundlichen Mann hat gebrüllt.
Jonathan Meese, ein überaus wohlerzogener Langhaariger, der bei Ausstellungseröffnungen auch alten Ehepaaren in aller Herzlichkeit die Kata-loge mit großen Peniszeichnungen signiert, hat mal wieder eine Performance gemacht. Die letzte war in der Turbinenhalle der Tate Modern in London, wo Meese sich wie der englische Popexzentriker Ron «Wizzard» Wood geschminkt hatte und aus einem Boxring, der umstellt war mit Skeletten und seinen phallischen Skulpturen, echt teutonische Widerständigkeit gegen rationales Denken präsentierte. Sein Zerrbild des preußischen Vernunftmenschen versendete er an die irritierten Briten in einer Art Morsealphabet germanischer Irrwege: von Adolf und deutscher Wald über Heidegger und Ritterkreuz zu Wagner und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Am Ende geht dieser «Platonow» überraschend glatt auf. Die kunstbeflissene Langeweile, die Schaubühnenregisseur Luk Perceval zelebriert hat, ist fast vergessen; dafür hat man den erbärmlichsten, unsexysten, entleertesten Dorfschullehrer Michail Wassilijewitsch Platonow ever zu sehen bekommen und die großartigste Generalswitwe Wojnizewa gleich dazu. Ihren an...
Nichts mischt eine abgelaschte Party so auf wie der Einbruch des echten Lebens. Auf einer Dachterrasse bemühen sich fünf Leute (zwei Paare und ein Single) vergeblich um Geselligkeit und finden erst zusammen, als das nachbarliche Ehepaar bei offenem Fenster (und Licht!) übereinander herfällt – das ist die Situation von Meike Haucks Stück «Hund frisst Gras».
Die...
Transportschaden
Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin nutzte eine Diskussionsveranstaltung des Berliner Theatertreffens, um unter Verweis auf weiteren Spardruck die besonderen künstlerischen Potentiale der Hauptstadtkultur hervorzuheben: Man könne auch in einer Stadt ohne Theater leben, und wenn es denn unbedingt sein müsse, halt ein Bahnticket kaufen: «Wenn...
