Im Theater ist die Wirklichkeit am geilsten
Ich will ein Feuerwerk, kein ängstliches Gepiepse! Und zweihundert Prozent Disziplin!», ruft der Musiklehrer Aaron Grahovac, und in den überfüllten Probenraum der Berliner Bettina-von-Armin-Oberschule im Märkischen Viertel zieht ein Hauch von Dieter Bohlen ein. «Wer das nicht schafft, der kann jetzt noch gehen!» Alles schweigt und schaut den schwarz gekleideten jungen Lehrer mit dem piratenmäßig um die wuchernden Locken gebundenen Kopftuch an, der mit forderndem Blick und gespannter Körperhaltung vor ihnen steht. Natürlich geht keiner. «O.K.
!», sagt Grahovac nach einer Weile eisigen Schweigens. «Ich nehme das jetzt ernst», und startet seinen Laptop mit dem Soundtrack der neuen Musiktheaterproduktion der Schule «Liebe auf der Flucht», der später natürlich vom Schulorchester gespielt werden soll. Doch zuerst müssen die Sänger fit gemacht werden.
Kaum beginnt die Musik, eine Mischung aus Jazz- und Avantgarderock, verwandelt sich die eben noch betreten dreinblickende Schülerschar in ein hochkonzentriertes Ensemble. Die Körper wippen im Pulsschlag der Musik. Wer dran ist, steht auf und singt: solo, im Duett, als Trio oder Quartett. Die Liedtexte schildern kurze Episoden aus dem Leben, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist wahrscheinlich eines der aufwändigsten Bilderbücher, die je erschienen sind, ein veritables Stück Buchkunst, das nach den vielen virtuellen Hamletvariationen der letzten Jahre nun auffällig ausdrücklich auf physische Präsenz und Sinnlichkeit setzt: Herbert Fritschs neueste hamlet_X-Darreichung, für die er sich diesmal mit Sabrina Zwach, Dramaturgin und...
Ein Mann kommt auf die Bühne, setzt sich hinter das bereitgestellte Piano, greift zur E-Gitarre und zupft ein paar perlende Moll-Akkorde. Ein anderer schleppt einen Eimer Farbe herbei, zückt die Malerrolle und streicht schüchterne Linien in Schwimmbadblau auf die Leinwand. Weitere Leute, hübsch exzentrisch gekleidet, verteilen sich im Raum und fangen zu tanzen an:...
In Hessen ist «Don Karlos» Zentralabiturstoff. Deshalb muss man seinen Theaterabend, nicht nur in Kassel, mit zwangsversendeten Deutschkursen teilen. Pubertär pikiert zischen die Schülerabordnungen, wenn ein Mann einen Mann auf den Mund küsst oder ein Schauspieler gar die Hosen runterlässt. Und nehmen die Schillersche Gedankenfreiheit ganz wörtlich – klares...
