Im Sturmschritt der Geschichte
Kein Wunder, dass die Landvermesserin aus Thomas Köcks Stück «dritte republik» sich fragt, warum sie nicht einfach in ihrem Bett liegengeblieben ist, statt diesen «hanebüchenen Auftrag» anzunehmen. Sie soll die Landesgrenzen neu vermessen. Aber das Schneegestöber, das ihr ohne Unterlass ins Gesicht bläst und das sie bald als «beschissensten aller Jahrhundertstürme» identifiziert, macht jedweden Auftragserfüllungsversuch zum aussichtslosen Unterfangen.
«Was für eine höchst zerfickte Drecksscheiße», bringt Barbara Nüsse als adäquat abgekühlte Geodätin das besagte Jobprofil am Hamburger Thalia in der Gaußstraße auf den Punkt. Und zwar in einem Tonfall, der sich erfreulicherweise nicht aus diffusen Emotionsausbrüchen, sondern aus messerscharfer Status-quo-Analyse speist.
Zwei Kafka-Figuren – der Landvermesser aus dem Romanfragment «Das Schloss» und der titelgebende Mediziner aus der Erzählung «Ein Landarzt» – standen Pate für diese buchstäblich gebeutelte Protagonistin: Redliche Auftragnehmer mit Berufsethos, deren Jobs sich plötzlich in Zuständigkeitsvakuen auflösen oder unter anderweitigen mysteriösen Umständen zu Missions impossible zerbröseln. Umständen freilich, die den ...
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Theater heute Januar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Christine Wahl
Es zeugt von hartnäckigem Sendungsbewusstsein und einem Hauch Heroismus, wenn das seit mittlerweile 30 Jahren von der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) ausgerichtete Festival «Politik im Freien Theater» bei seiner 10. Ausgabe in München unter dem Motto «reich» antritt. Koproduzent Matthias Lilienthal und sein Kurator und Festivalprogramm-Mitjuror...
«Wir haben einander 2002 kennengelernt, und als sich 2003 in der Redaktion von ‹Theater der Zeit› ein Vakuum auftat, sprangen wir rein und bildeten, zuerst mit Anja Dürrschmidt, später mit Wolfgang Behrens, für vier Jahre die Redaktion (Nikolaus Merck als guter Geist und inspirierender Gesprächspartner begleitete unser Tun). Kein anderer Kollege hat mich so viel...
Auf den Bühnen von Eimuntas Nekrosius war nie viel Licht – und das entsprach auch seiner Sicht der Dinge. Als der damals 37-jährige litauische Regisseur 1989 zum ersten Mal in Berlin gastierte, war kein Funken Glasnost-Begeisterung zu spüren. Gefragt, was er mit der neuen künstlerischen Freiheit anzufangen gedächte, meinte er lapidar: «Es ist wie mit...
