Nachruf: Lieber Dirk

Zum Tod von Dirk Pilz

 «Wir haben einander 2002 kennengelernt, und als sich 2003 in der Redaktion von ‹Theater der Zeit› ein Vakuum auftat, sprangen wir rein und bildeten, zuerst mit Anja Dürrschmidt, später mit Wolfgang Behrens, für vier Jahre die Redaktion (Nikolaus Merck als guter Geist und in­spirierender Gesprächspartner begleitete unser Tun). Kein anderer Kollege hat mich so viel gelehrt über die kritische und produktive Begleitung des Theaters. Während wir anderen in den Redaktionsräumen in der Klosterstraße arbeiteten, arbeitetest du von deiner Friedrichshainer Wohnung zu.

Zur wöchentlichen Re­dak­tionssitzung kamst du nach Mitte ge­radelt, auf dem Rücken einen großen, grauen Rucksack, gerade so, als kämst du frisch von einer Wanderung. Darin verstautest du die jüngst erschienenen Bücher des Verlags oder auch andere, die du rezensieren wolltest. Wie oft konntest du, als sei es nichts, schnell einen Text einreichen, eine Rezension, einen Kommentar; wenn etwas fehlte, fülltest du die Lücke. Du hattest dein ästhetisches Grundhandwerk aus deiner theoretischen Aus­ein­andersetzung immer dabei und stelltest es uns anderen in der Diskussion zur Verfügung, genau wie dein theaterhistorisches, literarisches, philosophisches, umfassend theologisches Wissen. Das erste Buch, das ich von dir bekam, waren Gedichte von Inger Christensen, am Ende unserer Zusammenarbeit lernte ich über dich die Schriften deines Freundes Christian Lehnert kennen.

Nichts war dir selbstverständlich, scheinbare Wahrheiten versahst du mit einem ‹Ja, aber warum ist das denn so?›. Du warst auf der Suche nach dem Grundsätzlichen, nach übergeordneten Kategorien. Es wäre sicherlich erhellend, deine gesammelten Kritiken, Kommentare, die zahlreichen Gespräche chronologisch zu lesen, deiner gedanklichen Spur auf diese Weise noch einmal zu folgen. Wir wollten Debatten anstoßen, neugierig sein, kulturpolitisch das begleiten, was sich als Veränderung abzeichnete, die Fusionen im Osten, die ästhetischen Bewegungen der Freien Szene, das erforschen und begleiten, was man so schnell ‹politisches Theater› nennen kann. Wir waren jung und die Begriffe groß. Auch vergesse ich dein Lachen nicht, das Absurditäten, Dünkel kommentierte und entlarvte. Nicht deine (wie mir schien, ostdeutsche) Bescheidenheit, deinen Respekt anderen gegenüber, deine Neugierde. Unvergessen die Reisen zu Premieren, da der Etat bei ‹Theater der Zeit› begrenzt war, mit dem Auto hin und, wenn möglich, nachts zurück, Hamburg, Leipzig, Hannover. Du warst ein vorsichtiger Autofahrer. 

2001, zum Ende meines Studiums, veranstalteten meine Freundin Anna Poeschel und ich im Institut für Theaterwissenschaft ein Projekttutorium zum Thema Theaterkritik. Im Seminar saß eine zurückhaltende, kluge Studentin, die die besten Texte schrieb, Anne Peter, deine spätere Frau. Anne war wenige Jahre später Praktikantin bei ‹Theater der Zeit›, und ich erinnere mich an die Blicke bei eurem Kennenlernen. In meinen Gedanken und meiner Trauer bin ich bei ihr und euren Kindern.»

Der Mond ist aufgegangen

Diese Zeilen entstanden unter dem Eindruck der Nachricht von Dirks Tod am 2. November für «Nachtkritik», das Online-Theatermagazin, das er gemeinsam mit Nikolaus Merck, Petra Kohse, Esther Slevogt und Konrad von Homeyer auf den Weg brachte und damit der Theaterkritik im deutschsprachigen Raum eine neue Form gab. Inzwischen ist Dirk beigesetzt, begraben auf dem Friedhof von Alt-Stralau in Berlin, eine anachronistisch anmutende Insel der Ruhe, am Wasser gelegen, das für Dirk, neben den Bergen, die schönste Landschaft war. Mit seinem älteren Bruder angelte er, sein Sohn war schon eingeweiht in dieses stille Tun. Es waren so viele, die Abschied nahmen von Dirk: Kritiker und Journalist, Professor an der Universität der Künste Berlin und Lehrer, nicht nur für die Studierenden des Studiengangs Kulturjournalismus, scharfsinniger Zeitgenosse, Kurator und Moderator, der wie kaum ein anderer Theologie und Theater zusammendenken konnte, unheimlich Produktiver, Hüter auch von skurrilem Wissen, das er nicht nur seinen Kindern weiterzugeben wusste, nun ewig 46-Jähriger, gestorben an Krebs. In seinem intensiven, jetzt abgebrochenen Leben hat er bei vielen Spuren hinterlassen. «Dirks bestechend klare Zeitanalysen hatten ihren Grund im Schatten, in der Vertiefung, im Schauen», sprach der Theologe und Poet Christian Lehnert in seiner Trauerrede. 

Ein letztes Bild, wir gleiten aus der Zeit: Eine bange Trauergemeinde – Familie, Freund*innen, Wegbegleiter*innen aus dem Theater, dem House of One, Studierende – singt, begleitet von Wolfgang Behrens an der Orgel, «Der Mond ist aufgegangen». Das habt ihr mit den Kindern gesungen, das hat deine Familie gesungen am Sterbebett. 


Theater heute Januar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Nina Peters