Im Strom der Zeit
Zwei Tische auf der Bühne, alte Schultische. Voll mit Büchern und einer Schreibmaschine der eine, voll mit Schuhen, Leder und Werkzeug der andere. Von einander abgewandt sitzen davor, an entgegengesetzten Punkten der Peripherie der Drehbühne, Lenú und Lila, die zwei Freundinnen aus Grundschultagen. Wer ist hier die geniale? Auch in Elena Ferrantes vierbändigem Romanzyklus («L’amica geniale») bleibt das offen. Jede von beiden hält die andere dafür. Freundschaft und Rivalität, gegenseitige Unterstützung und gegenseitiges Übertrumpfen, lebenslang.
Nicht nur ein ganzes Leben lang, sondern zwei, das macht den Reiz dieses voluminösen Epos aus, das nicht nur 2500 Seiten füllt, sondern auch vier Staffeln à acht Folgen einer Filmserie. Nun hat Johan Simons daraus einen sechsstündigen Theaterabend gemacht. Ein Marathon als Sprint durch zwei Lebensläufe.
Lenú und Lila kommen aus demselben ärmlichen Stadtteil von Neapel. Die Romane erzählen ihre Geschichte von ihrer Kindheit in den frühen Fünfziger Jahren bis nach 2000. Lenú steigt durch Bildung auf zur gefeierten Romanautorin, Lila bringt es ohne Schulbildung bis zur Leiterin einer Softwarefirma. Die «neapo -litanische Saga» genannte ...
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Theater heute März 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Gerhard Preußer
Der weiße Kubus, in den das Publikum an diesem Abend im Schauspiel Leipzig blickt, hat Sogwirkung. Denn an den kalten weißen Wänden hängen schwarz-weiß Fotos, Collagen, Zeichnungen und Textfetzen, wohin das Auge reicht. Sie wirken bruchstückartig, geheimnisvoll, oft düster. So wie das Bild des Mädchens, das gefährlich die Treppe hinunter linst, unten eine...
Auf dem dunklen Gold der Bühne von Christin Treunert liegt Patina. Die (beweglichen) Wände wirken wie ein vergilbter Spiegelsaal mit jetzt stumpfen, angelaufenen Flächen. Vom Schnürboden schweben wahlweise Kronleuchter oder Discokugeln herab, doch alles liegt wie unter Mehltau. Ein wenig schwülstig, aber zugleich mit postapokalyptischer Lost-Place-Anmutung. Das...
Eine solche Stimmung erlebt man selten im Theater. Kaum erklingen auf der Bühne die ersten Töne eines türkischen Liedes, klatscht das Publikum begeistert mit, singt, pfeift und filmt mit dem Handy. Istanbul, «ein musikalischer Abend» von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Sipal am Schauspiel Essen, schafft es, auch die Menschen zu erreichen, deren...
