Im Sozialisationsdrama
Nach ungefähr siebzig Minuten – wir bewegen uns aufs letzte Drittel von Bonn Parks «They Them Okocha» in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu – steht André Meyer allein auf der Bühne und beginnt zu tanzen. Er spielt Noah-Wilhelm, einen von vier Freunden, die sich in dieser Szene am unmittelbaren Übergang von der Spätpubertät zum Erwachsenenalter befinden, und hat seine Kumpels gerade in den furchteinflößenden «Blick in die Zukunft» hinein genötigt – eine Geisterbahn mit teufelskopfförmigem Eintrittsschlund, von der entsprechende Narrative im Umlauf sind.
Jetzt groovt sich Noah-Wilhelm, der diesen Geister-Schritt ins Großsein noch ein paar Augenblicke hinausgezögert hat, in eine leicht eckige, würdevoll tapsige Individualchoreografie ein, die ihn so sehr bei sich selbst wirken lässt, wie er es den ganzen Abend über noch nicht war und definitiv auch nie mehr sein wird: ein echter kleiner Menschheitsmoment.
Die Regieanweisung, die Bonn Park – gleichermaßen Autor wie Regisseur der Produk -tion – zu dieser Szene im Text notiert hat, lautet: «Noah-Wilhelm führt einen Tanz auf ganz allein. Er ist vieldeutig, und wir werden nicht schlau draus. Es könnte bedeuten, dass er böse ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Christine Wahl
AACHEN, GRENZLANDTHEATER
13. Ohm, Ich will keine Schokolade – Die Trude-Herr-Revue
R. Horst Johanning
AACHEN, DAS DA THEATER
6. Ashman und Griffith, Der kleine Horrorladen
R. Maren Dupont
AALEN, THEATER
8. von Horvath, Jugend ohne Gott
R. Ella Elia Anschein (Junges Theater)
15. Frisch, Rip Van Winkle
R. Fabian Eberhardt (Junges Theater)
AUGSBURG, SENSEMBLE THEATER
...
In der Saison 2022/23 war der Schriftsteller Dmitrij Gawrisch Hausautor bei den Bühnen Bern. Damals hat er Ibsens «Volksfeind» überschrieben: aus der Perspektive einer antretenden Generation, die das toxische Erbe ihrer Vorgänger übernehmen muss (s. TH 3/23). Tochter Petra, gewöhnlich nicht so im Vordergrund, wurde zur modernsten Figur des Dramas, übernahm...
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert...
