Moskauer Machtzirkus
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert geknechtet hat. Und wenn dieser «Kleine Nächtliche Stalin» auch nur ein Traumzerrbild ist: Neben ihm verzwergt der Novize auf dem Kreml-Thron, den alle in dieser Geschichte nur den «Großen Gopnik» nennen.
«Du bist wie ein Schauspieler, der nicht weiß, welche Rolle er spielen soll», lästert Stalin. «Dabei ist alles ganz einfach. Mach aus der Modernisierung eine Mobilisierung.» Kriegsherrschaft also. Ob der Gopnik da nicht auch allein draufgekommen wäre?
Viktor Jerofejew datiert die Szene in der russischen Sauna auf das Jahr 2002. Der 76-jährige Schriftsteller hat im letzten Jahr einen autobiografisch gefärbten 600-Seiten-Roman veröffentlicht, ein vogelwildes Panoptikum, das in unzähligen Kapiteln und Episoden illusionslos, aber fantastisch davon erzählt, in welchen postsowjetischen Luxuskäfigen sich die Reichen, Klugen und ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Stephan Reuter
Ist George Orwells dystopisches Romanmärchen «Farm der Tiere» theatertauglich? Oliver Frljic hat jetzt am Stuttgarter Schauspiel eine eigene Bearbeitung auf die Bühne gebracht – unseren Zeiten angepasst, das Original eingeschmolzen, den Plot verändert. Der Stoff ist und bleibt so oder so aktuell, keine Frage. Es ist überzeitlich plastisch, wie genau Orwell das...
Wie ist es dem Autor Tobias Ginsburg nur gelungen, zu immer neuen rechtsextremen Männerbünden Zutritt zu erhalten, undercover, kaum verkleidet, ausgerechnet er, ein «schmächtiger Jude», wie er sich selbst im Schauspiel Köln zu Beginn auf einer großen Videoleinwand bezeichnet? Anderthalb Jahre lang hat er recherchiert, bevor sein beeindruckendes Buch «Die letzten...
Günther Rühle war es, der sich am meisten für mich nach meinem Tod eingesetzt hat. Ich bin 1948 in Hamburg gestorben, aber er hat viel zu meiner Wiederauferstehung in Deutschland beigetragen. In «Theater für die Republik» im Spiegel der Kritik 1917–1925 und 1926–1933 (1967 und 1988 bei S. Fischer erschienen) schrieb Rühle, sein Ziel sei ein erster Versuch zu...
