Im Sog der Zeit

Alvis Hermanis konserviert Gontscharows Roman «Oblomow» für die Bühne und Katie Mitchell mikroskopiert Virginia Woolfs «Wellen»

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Romane sind unsichtbar. Das bisschen schwarz-weißes Gewimmel auf kleinen Papierbögen ist ja keine ernstzunehmende visuelle Existenz. Ihnen auf der Bühne zur Sichtbarkeit zu verhelfen, halten viele für einen Liebesdienst. Andere sehen darin nur gedankenfaule
Kinosucht und gegenwartsscheue Nostalgie. Beide Vorwürfe gegen Romane auf der Bühne werden in den zwei Kölner Romanadaptionen aufs Korn genommen. Alvis Hermanis’ «Oblomow»: So viel Nostalgie war noch nie. Katie Mitchells «Wellen»: So viel Kino kann keiner. Die beiden Inszenierungen scheuen keine Konfrontation.



Romane haben ein anderes Verhältnis zur Zeit als das Theater. Auf der Bühne zählt die reine Gegenwart. Zwischen Buchdeckeln kann man die Zeit einfangen, ihren Verlauf darstellen. Im Theater kann man sie nur erleben als Folge von Augenblicken. Hermanis hält deshalb die Zeit an, dreht sie zurück, lässt sie erstarren, präpariert eine historische Konserve. Mitchell dagegen verflüssigt die Zeit, löst sie auf, zerstößt, verkrümelt sie zu winzigen Momentpartikeln.

Im Roman spricht einer, im Drama sprechen viele. So war es jedenfalls zu Beginn der Epik. Bis die Welt zu unübersichtlich wurde und der eine Erzähler in viele ...

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Theater heute April 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Gerhard Preußer

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