Achtung, Rezeptionskontrolle
Es waren vergleichsweise idyllische Zeiten, als Festivalmacher wie kleine James Cooks durch die Welt reisten und interessante Theaterkompagnien entdeckten, als wären es unbekannte Inselgruppen. Man packte eine New Yorker Off-Off-Produktion ins Körbchen, ließ sich vom Direktor eines argentinischen Hinterhoftheaters unter den Tisch saufen und steckte, vom Kollegen aus Beirut beraten, noch zwei Fische aus dem Mittleren Osten ins Netz. Vielleicht entdeckte man in der eigenen Stadt noch ein leerstehendes Fabrikgebäude und ließ es von befreundeten Künstlern bespielen.
Eins aber war diesen sammelwütigen Abenteurern gewiss: ein staunendes Publikum, das sich neugierig über die ausgebreiteten Mitbringsel beugte.
Kontext schlägt Werk
Die Zeiten der Cooks sind vorbei; aus Festivalmachern sind Kuratoren geworden. Auch in der Bildenden Kunst, aus der die Berufsbezeichnung eigentlich stammt, öffnen passionierte Ausstellungsmacher dem Publikum ihre Archive und Wunderkammern. Nicht alle sind Charismatiker vom Schlag Harald Szeemanns. Aber was sie zeigen, sind nicht nur ihre Schätze, sondern sehr persönliche oder auch ideologische Ordnungs-, Interpretations- und Verweissysteme. In ihnen verschiebt ...
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Theater heute April 2011
Rubrik: Die Kunst der Kuratoren, Seite 15
von Eva Behrendt
Eine Handvoll Orthopädie-Patienten schlurft auf die Bühne des Kleinen Hauses im Staatsschauspiel Dresden. Der zweckorientierten Sportkleidung nach zu urteilen, die die Truppe unter ihren Beinschienen, Kniemanschetten und Halskrausen trägt, ist sie auf dem Weg zur Krankengymnastik. Die erste Übung: kollektives Zittern im Kreis. Man schlägt sich wacker. Auch in der...
Natürlich könnte man jederzeit die Sinnfrage stellen: Wer braucht eine vierstündige
Dramatisierung von Falladas Wirtschaftskrisen-Panorama «Bauern, Bonzen und Bomben», wenn man in dieser Zeit schon 200 bis 300 Romanseiten lesen könnte? Wozu eine Bühnenbearbeitung dieses deutschen 30er Jahre Kleinstadt-Polit-Biotops, wenn sie doch nur ohne weitere Deutungsabsicht...
Zwei unterschiedlichere Stoffe und Herangehensweisen sind kaum vorstellbar. Hier die Geschichte der Sibel Kekilli, die mit «Gegen die Wand» zur Schauspielerin und in Fatih Akins Kino der großen Gefühle zu einer Ikone für alle Deutsch-Türkinnen wurde, für die ein Aus-
brechen aus dem familiären Feld der Ehre bittere Folgen haben kann. Und dort Nis-Momme Stockmanns...
