Achtung, Rezeptionskontrolle

Früher haben Programmmacher Künstler gefördert und Fundstücke präsentiert. Heute versuchen Kuratoren außerdem, die Rezeption des Publikums zu managen. Von Eva Behrendt

Es waren vergleichsweise idyllische Zeiten, als Festivalmacher wie kleine James Cooks durch die Welt reisten und interessante Thea­terkompagnien entdeckten, als wären es unbekannte Inselgruppen. Man packte eine New Yorker Off-Off-Produktion ins Körbchen, ließ sich vom Direktor eines argentinischen Hinterhoftheaters unter den Tisch saufen und steckte, vom Kollegen aus Beirut beraten, noch zwei Fische aus dem Mittleren Osten ins Netz. Vielleicht entdeckte man in der eigenen Stadt noch ein leerstehendes Fabrikgebäude und ließ es von befreundeten Künstlern bespielen.

Eins aber war diesen sammelwütigen Abenteurern gewiss: ein staunendes Publikum, das sich neugierig über die ausge­breiteten Mitbringsel beugte.


Kontext schlägt Werk

Die Zeiten der Cooks sind vorbei; aus Festivalmachern sind Kuratoren geworden. Auch in der Bildenden Kunst, aus der die Berufsbezeichnung eigentlich stammt, öffnen passionierte Ausstellungsmacher dem Publikum ihre Archive und Wunderkammern. Nicht alle sind Charismatiker vom Schlag Harald Szeemanns. Aber was sie zeigen, sind nicht nur ihre Schätze, sondern sehr persönliche oder auch ideologische Ordnungs-, Interpretations- und Verweissysteme. In ihnen verschiebt ...

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Theater heute April 2011
Rubrik: Die Kunst der Kuratoren, Seite 15
von Eva Behrendt

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