60 Minuten ÜberDosis

Beim 100-Grad-Festival der Freien Szene im Berliner HAU darf jeder mitmachen – wenn er sich an die Regel hält

Wenn schon «Raum», wie Olafur Eliasson schreibt, «eine sich ständig verändernde Gleichzeitigkeit von bisherigen Geschichten» ist, was ist dann Theater? − Der Modellfall räumlicher Wirklichkeitswahrnehmung? Der diesjährige Show-Room der Freien Szene, das 100-Grad-Festival, steckte voller Raum-Metaphern. Dabei ist 100 Grad selbst ein Großraumexperiment, bei dem im Stundentakt bis zu sechs Geschichten gleichzeitig die Zuschauer auf Bühnen, in Foyers und Nischen der drei HAU-Spielstätten und in den Sophiensælen überfordern.

Weniger Entscheidungsfreudige konnten bei 129 Inszenierungen an vier Abenden programmatisch in den Zapping-Mode umschalten, kommen und gehen, fragmentarisch sehen − wie im echten Leben. Letzteres spiegelt sich für die Freie Szene auch in den sportlichen Teilnahmebedingungen: Jeder darf mitmachen, das Bühnenformat aber nicht länger als 60 Minuten dauern: Theater als überdosierter Normalzustand.


    Walther von der Vogelweide genau jetzt

Eine bemerkenswerte Anpassungsleistung gelang dabei Andreas Greiner und Julian Bisesi, eigentlich Teilnehmer des von Olafur Eliasson geleiteten Instituts für Raumexperimente, bei einem «Blick durch das Fenster». Anders als ihre ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Aussenseitersieg

Andreas aus Braunschweig hat 14 Jahre Musikwissenschaft studiert und ist dann nach Paris gegangen. Promovieren, sagt er. Inzwischen lebt er auf der Straße, kann aber trotzdem Verdis «Macht des Schicksals» nach Tonarten brillant analysieren und setzt zur melancholisch-düsteren Passage in e-Moll die erste oder auch schon fünfte Molle an. Dass der verpfuschte Begabte...

Handgreifliche Debatte

Heutigen Abiturienten das Paradebeispiel der deutschen Klassik, Goethes «Iphigenie», nahezubringen, ist gewiss kein leichtes Unterfangen. Denn die mythische Vorzeit durch das Menschenbild der Weimarer Klassik betrachtet, fördert viel Erhabenes, aber auch allerhand Blutleeres zutage – Ideen statt Individuen, gedrechselte Sätze und prüde Litanei. Der frisch vom...

Bei sich geblieben

Zu Beginn noch einmal einer dieser magischen Momente, die das Theater des Dieter Dorn in den 1980er Jahren (damals noch an den Münchner Kammerspielen) berühmt gemacht haben: Die leere Bühne, aufgerissen bis zur weißgetünchten Brandmauer, ein wenig Nebel über den Brettern, so dass einen prä-paradiesischen Augenblick lang an diesem wüsten Ort alles möglich scheint....