Im Rassismus-Korsett
«Addicted to you», schallt es verheißungsvoll über die Bühne. Hinter Wänden aus dünnen weißen Fäden, aus denen Philip Rubner und Alexander Grüner drehbare Räume gebaut haben, geben sich die beiden Protagonisten Othello (Calvin-Noel Auer) und Desdemona (Nadja Robiné) in einem Kingsize-Bett auf Rollen dem Liebesspiel hin. Desdemona erhält ihr Tuch als Liebespfand, und die Welt könnte perfekt sein.
Ist sie aber nicht, denn da ist ja noch Jago.
Marcus Horn wendet sich direkt ans Publikum, ein ehrgeiziger, sich übergangen fühlender Mensch, für den auch die Liebe nur eine rein technischhormonelle Reaktion ist und der zusammen mit Rodrigo (Janus Torp) mit seinen rassistischen Ressentiments nicht hinterm Berg hält. Selbst das N-Wort, anfangs noch mühsam zurückgehalten, fällt später in diesen Tiraden regelmäßig. Ähnlich simpel und rückständig ist sein Frauenbild. Horn spielt das gekonnt, triefend vor Doppelzüngigkeit. Dieser Jago ist hier die einzige agierende und nicht nur reagierende Figur, die allerdings von der Ereignislawine gleichermaßen überrollt wird. Besonders gegen Ende, wenn er seltsam unmotiviert seinen Gönner Rodrigo zur Strecke bringt und selbst mit leeren Händen dasteht.
Di ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2023
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Torben Ibs
So kann die Zeitgeschichte über ein Stück hinwegdonnern. Am 19. Februar 2022, bei der Uraufführung in Münster, waren all die augenzwinkernden Survival-Tipps, die das Stück «Über Leben» wie ein Refrain strukturieren, noch gleichermaßen abstrus. Wohlstandsmenschen brauchen schlicht keine Hinweise zum Überlebenskampf in fließenden Gewässern, bei Bärenangriffen, im...
René Pollesch und Gob Squad gemeinsam an der Volksbühne. Da ist zunächst einmal ganz viel Erinnerung. An den Gießener Aufbruch um 2000 herum, als sich die Tore der Angewandten Theaterwissenschaften zur Praxis des Metropolen-Stadttheaters öffneten und Pollesch Gießener Vertraute im Prater auftreten ließ: Da war eine ungekannte Frische, als Gob Squad Passant:innen...
Im Smarthome spukt es. Denn die Gewohnheiten der ehemaligen Bewohnerin haben sich längst eingeschrieben in seinen Algorithmus und überdauern so sogar ihren physischen Tod. «Das Haus spielt Theater für Sie», erklärt Ira der Hinterbliebenen. Denn es zündet in Erinnerung an die Verstorbene jeden Tag eine Zigarette an – wie es ihre Gewohnheit war.
Ira ist Expertin für...
