Im dunklen Schlund der Existenz
René Pollesch und Gob Squad gemeinsam an der Volksbühne. Da ist zunächst einmal ganz viel Erinnerung. An den Gießener Aufbruch um 2000 herum, als sich die Tore der Angewandten Theaterwissenschaften zur Praxis des Metropolen-Stadttheaters öffneten und Pollesch Gießener Vertraute im Prater auftreten ließ: Da war eine ungekannte Frische, als Gob Squad Passant:innen von der Kastanienallee wegcasteten und mit Kopfhörern versahen, damit diese dann im Volksbühnen-Prater den Diskurs-Western «In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine» (2004) von René Pollesch zu Gehör brachten.
Vorgesagt, nachgesprochen. In stillem Stakkato, be -rückend unperfekt und zärtlich.
Es war das erste Mal, dass man ahnen konnte, dass in diesem Pollesch, der damals noch total turbo und theoriemäßig edgy daherkam, ein anderer Ton stecken könnte: eine kalte, klare Ruhe im Durchblick auf die nackte Existenz. Ein Ton, wie ihn später dann vor allem Fabian Hinrichs mit Pollesch zu bergen wusste.
Das Abenteuer von Gob Squad und Pollesch blieb, so geglückt es allgemein eingeschätzt wurde, einzig – schon weil im Gießener Kunstverständnis Text und Regie nicht zu trennen sind und man den Frondienst der ...
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Theater heute Februar 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Christian Rakow
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Im...
