Im Osten viel Neues

Fast drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist es an der Zeit, die DDR als heterogenes, ambivalentes Projekt zu verstehen, nicht nur als Menschenversuch hinter Mauern. Über koloniales Denken, die Standards der Sieger, Fragen der Dankbarkeit, eine verlorene Generation, neue Formen der Erinnerung und die AfD als Tocher von TINA

Ich hatte mich in den 90er Jahren daran gewöhnt, dass es meinen Chef aus Osnabrück erstaunte, mich Englisch sprechen zu hören, obwohl ich aus dem Osten komme. «Waren die Leute in der DDR eigentlich blöder, oder warum haben da so wenige Abitur gemacht?» Wie sollte ich das erklären ...? Die grobe DDR-Vergangenheitsbetrachtung war mir lange Zeit egal, denn ich habe in der DDR, was seltsam klingt, trotz der DDR gelebt. Ich fühlte, spätestens seit ich meinen Abiturplatz verlor, weil ich mich gegen den Übergriff eines Lehrers gewehrt hatte, eine große Distanz zu diesem Staat.

 

Irgendwann, ich würde sagen im Jahr 25 der Wiedervereinigung, merkte ich, dass sich mein Verhältnis zu der Art, wie über die DDR gesprochen wird, langsam änderte. Erstmalig fiel mir das bei einem Empfang im Kanzleramt auf, bei dem Persönlichkeiten gefeiert wurden, die sich um die Erhöhung der Frauenquote verdient gemacht hatten. Die Vollbeschäftigung der Frauen 30 Jahre zuvor im Ostteil der gleichen Stadt wurde damals mit keinem Wort erwähnt. Es war, als hätte es dieses Land nie gegeben und als sei die Anerkennung auch nur der geringsten seiner positiven Leistungen ein Tabu. Das machte mir das Land meiner Herkunft nachträglich nicht sympathischer, aber die Art, in der darüber gesprochen wurde, machte mich hellhöriger und empfindlicher. Ich erlebte sie zunehmend als verletzend, und das lag, denke ich heute, sicher auch an Verletzungen in mir, die langsam aufbrachen. 

Plötzlich bekam ich eine Allergie. Ich vertrug ganz «normale» Kommunikationsregelbestandteile nicht mehr – z.B. diese Annahme, dass «der Osten» in Demokratiefragen immer noch vieles nicht verstanden hätte und als Sozialfall an den Spätfolgen der Diktatur leidet. Also setzte ich mich in den Garten meiner Freunde und schrieb vor drei Jahren einen Text darüber, dass die Mauer nicht umgefallen ist wie ein marodes Bauwerk. Aber eigentlich schrieb ich einen Text über den seltsamen «Normaldiskurs» der Deutschen über ihre deutsch-deutsche Geschichte. Denn er macht die Ostdeutschen zu Nachhilfeschülern und Gefahrenträgern, und sie selbst begannen langsam, dieses Ungenügen zu verinnerlichen. Die Redeweise vom «Fall der Mauer» gesteht den Ostdeutschen keinen aktiven Anteil an der Wiedervereinigung zu. Die Geschichte, so legt die Floskel nahe, hat die Ostdeutschen unerwartet in die Freiheit entlassen, und da standen sie nun, wollten Bananen, und der Westen musste sich kümmern. Als ich bemerkte, wie sehr diese Sichtweise auch für mich selbstverständlich war, mein Denken formte, erschrak ich und wollte mich von dieser Stimme befreien. 

Die jahrhundertelange Kolonialisierung von Afrika, Amerika oder Indien wird nachfolgend in ihrer Grausamkeit und historischen Dimension nicht relativiert, wenn vom Patronat der alten BRD über die sich auflösende DDR die Rede ist. Es hat lange gedauert, bis mir auffiel, dass Ostdeutschland nach 1989 wie ein «Entwicklungsland» behandelt wurde. Leitbegriffe wie «Aufbau Ost», «Blühende Landschaften» oder «Buschprämie» führen tief hinein in die Raster kolonialen Denkens. Obgleich die DDR viel Untergang produzierte, hat sie aber auch Computer und Satelliten gebaut und den ersten Deutschen ins All gebracht. Sie besaß ein hochentwickeltes Bildungs- und Gesundheitssystem, und zum ersten Mal in der deutschen Geschichte gelang dort eine demokratische Revolution, die zu einem guten Ende geführt hat. Dass nichts außer dem grünen Abbiegepfeil die vierzigjährige Existenz der DDR überdauert hat, führte in den neuen Ländern zu der Empfindung der Zweitklassigkeit des eigenen Lebens, die von keinerlei Protest begleitet war. Sie erzeugte das stille ostdeutsche Ressentiment und irgendwann die Wut. 

Die Standards der Sieger

Die Rede vom «Fall der Mauer» entspricht dabei einer sich als unschuldig empfindenden Redeweise der Sieger. Wobei ich paradoxer Weise nicht die Sieger der Revolution von 1989 meine, also die Bürgerbewegung der DDR, sondern den Westen, der dem Einheitsvertrag seine Standards einschrieb. Und er durfte sich zu dieser Haltung auch ermuntert fühlen, denn die Mehrheit der Ostdeutschen hörte nach der Öffnung der Mauer auf, für ein anderes Land zu demonstrieren, sondern ging lieber auf Entdeckungstour durch die Einkaufsstraßen des Westens. Ich glaube, wir haben uns, in Ost und West, den Prozess der Wiedervereinigung zunächst sehr freundlich vorgestellt. Er wurde für viele im Osten ein Trauma, das aber keines sein durfte, da ja so viel geholfen wurde – und «was sollte man auch anders tun?». 

Es ist für mich noch heute berührend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit in Westdeutschland die Flüchtlinge aus dem Osten aufgenommen wurden, die aus den besetzten Botschaften oder über die offenen Grenzen in Ungarn kamen. Sie wurden von Herzen begrüßt und in großen Aufnahmeheimen versorgt. Fluchthelfer zu sein war damals kein Verbrechen. Fluchthelfer waren Helden. Genauso wie jene, die aus dem Osten geflohen sind, keine Migranten waren, sondern Willkommene. Im Überschwang der Erstbegegnung gab es nur wenige Menschen, die bereits damals darauf hinwiesen, was dem Osten an schmerzhaften Prozessen bevorstand und wie schutzlos er in diese Transformation eintrat. Diese Stimmen wollte in Ost und West keiner hören. Es war die Zeit einer grenzenlosen Zuversicht und eines kollektiven Lächelns. Der Staat im Osten war implodiert, die Polizisten dort trauten sich kaum mehr Polizisten zu sein, und viele Studenten besetzten eine Wohnung, so auch ich. 

Aber woher kamen bereits am 19. Dezember 1989 hunderte Deutschlandfahnen bei Helmut Kohls Wahlkampfrede in Dresden? Hatte man sie dort schon im Schrank? Oder waren das vielleicht strategische Mitbringsel aus dem Westen? Zu einer Zeit, da der Runde Tisch in Ostberlin ein neues Politikmodell erprobte und von einer Konföderation zweier Staaten ausging, die sich auf Grundlage einer neuen, gesamtdeutschen Verfassung vereinigen sollten? Die Wiedervereinigung, wie sie von der Bundesregierung gestaltet wurde, war nicht «fair». Der Vertrag entsprang einer Geisteshaltung, der zufolge die «40 Jahre DDR» ein vergebliches, in den Augen vieler Westdeutscher sogar schändliches Interim eines diktatorischen Systems darstellten, das an seiner ökonomischen Schwäche zerbrach. Daher die Rede vom «Fall der Mauer». Der Einheitsvertrag machte aus Ostdeutschland ein Entwicklungsland, dem das Patronat des in allen Dingen erfahrenen und wegweisenden Westdeutschlands am Ende den gleichen Wohlstand und eine ähnlich elastische Liberalität und demokratische Managementtüchtigkeit bringen würden. Man solle nur Geduld haben. 

Fragen der Dankbarkeit

Für die Ostdeutschen ging 1990 eine Zeit des Mangels zu Ende – an Freizügigkeiten und Rechtsstaatlichkeit wie auch an materiellen Dingen. Ihn erduldet haben zu müssen, trotz des eigenen Fleißes und der eigenen Intelligenz, war Teil der tief empfundenen Ungerechtigkeit, die sich mit dem Leben in der DDR verband und nach der Öffnung der Mauer offen sichtbar wurde. Die schnelle Beseitigung dieses Mangels durch den Westen machte mich damals dankbar und zugleich wehrlos. Dass die Ostdeutschen beim Verkauf des Staatsvermögens und Volkseigentums der ehemaligen DDR, ihrer Fabriken, Wohnungsbestände und Grundstücke im Hintertreffen waren, da weitaus weniger vermögend und kreditwürdig, wirkte auf mich lange Zeit selbstverständlich und keiner Rede wert. Nur fünf Prozent des durch die Treuhand privatisierten oder kommunalisierten Produktivvermögens der DDR verblieb in ostdeutschen Händen.

Mit der Dankbarkeit ist es im Osten seither so eine Sache. Insgesamt war der von der Treuhand geleitete Prozess ein historisch vorbildloser Transfer von kollektivem in privates Eigentum. Alternative und genossenschaftliche Modelle, wie sie in der DDR noch bestanden und im Westen gerade wieder entstanden, blieben chancenlos. Der Privatisierung des ostdeutschen Volkseigentums stand die Vergesellschaftung der Kosten gegenüber. 

Dabei wirkt bis heute das Bild der armen Ostverwandtschaft aus den siebziger und achtziger Jahren nach, die mit Care-Paketen aus dem Westen beschenkt wurde. Und aus Westsicht werden diese Pakete noch immer geschickt, was stimmt und nicht stimmt. Denn nur durch diese von der Mehrheit der Bevölkerung, und nicht von den Gewinnern der Privatisierung, bezahlte Transferpolitik wurde es möglich, dass der Osten als Region der Konsumenten weiter funktionierte und friedfertig blieb, ohne als Produzenten länger gebraucht zu werden. Diese Politik führte in der ehemaligen DDR zwischen 1991 und 1993 zur Freisetzung von vier Millionen Arbeitsplätzen und zur Deindustrialisierung ganzer Regionen. Denn im Osten gab es zwei Revolutionen – die von 1989 und die des Neoliberalismus danach. 

Auch in den alten Bundesländern wird heute spürbar, wie die soziale Frage nach der neoliberalen Revolution der Kohl- und Schröder-Jahre sich heute neu stellt und Diskussionen um Mietpreisdeckel, ein gesellschaftliches Grundeinkommen und den Schutz unserer natürlichen Ressourcen mit aller Macht zurück in eine Debatte bringt, die 1989 begann. Bis heute wird ausgeblendet, dass die ehemals staatseigenen Immobilien, Wälder und Werke, die für wenige Euro neuen Eigentümern übertragen oder zum Abriss freigegeben wurden, die Einbringung der Ostdeutschen in diese Landesehe waren. Hunderttausende «Schnäppchenwohnungen» aus ehemals volkseigenem Bestand gehören seither zur Steuervermeidungs- und Erbmasse westdeutscher Familien. Die handstreichartige Privatisierung in den frühen neunziger Jahren führte zu einer Massenmigration von Ost nach West, die bis heute anhält. Zwei Drittel der zwischen 1990 und 2001 abgewanderten unterdreißigjährigen Ostdeutschen waren Frauen. Auf die Geschehnisse dieser wirtschaftlichen Flurbereinigungsjahre zurückschauend, muss ich sagen, dass meine Verwandten und Freunde in den neuen Bundesländern viel zu wenig gejammert haben und ihr Kampf wie in Bischofferode – immerhin der letzte Arbeiteraufstand der Deutschen – bis heute kaum verstanden und gewürdigt wird. 

Der Satz, der die Stimmung der frühen 90er Jahre im Osten am besten ausdrückt, stammt von Margret Thatcher: «There is no alternative!», abgekürzt: TINA. Tina ist der Vorname dieser zweiten großen Revolu­tion, die sich Ende des 20. Jahrhunderts ereignet hat, weltweit. Im Osten kam die Revolution des Neoliberalismus jedoch viel brutaler, da widerstandsloser als im alten Westen zur Entfaltung. TINA hat die Welt leider sehr viel mehr verändert als die friedliche Revolution in Osteuropa und der DDR. 

Die zweite Revolution

Es war diese zweite Revolution, die jene Träume, die für viele Menschen mit der demokratischen Revolution von 1989 verbunden waren, in Luft auflöste, weshalb uns heute die Slogans in pervertierter Form von den Plakaten der sächsischen AfD entgegenrufen: «Vollende die Wende.» Wer diese Entwicklung verstehen will, muss sich mit dieser zweiten Revolution nach 1989 beschäftigen. Damals ging es im Osten plötzlich um das ökonomische und mentale Überleben: Wird mein Berufsabschluss noch anerkannt? Braucht mich der neue Arbeitgeber? Überlebt der Betrieb? Wohin gehe ich jetzt? Es entstand eine «verlorene» Generation von Jugend­lichen, die arbeits- und orientierungslose Eltern und in einem neuen System hilflose Lehrer hatte und später darüber bewegende Romane schrieb und Filme drehte. Es ist nicht so, dass dies nicht formuliert wurde, nur dass uns das alle angeht, ist erst jetzt so, dreißig Jahre später. 

Dass ausgerechnet die Demokratie, für die diese Eltern und Kids damals auf die Straße gegangen sind, dieses Gefühl einer fundamentalen Enteignung von der eigenen Geschichte und den Verlust sozialer Sicherheit erzeugte, ist meiner Ansicht nach der Hintergrund dafür, dass der Rechtspopulismus im Osten Deutschlands und in Osteuropa so stark wurde. Gleiches geschah in Frankreich, wo die Gelbwesten-Bewegung in den sozial schwachen Regionen auf das von allen guten Geistern der Demokratie Verlassensein reagierte, während die klassische Sozialdemokratie nach ihrem Mittun an diesem Sozialabbau keine Glaubwürdigkeit mehr entwickeln konnte. Der erstarkende Nationalismus in Ungarn, Italien, Polen, Skandinavien ist ein Stiefkind von TINA. Ausgerechnet die Rechten wurden so jene Trugbrecher, die das Fiktive am Zustand der demokratischen Freiheit benannten. Und dies schreibe ich ohne die geringsten Sympathien für die identitären Populisten, die in Sachsen Bürger­cafés mit Sachspendenregalen eröffnen. Aber sie weisen damit auf die Wunde. 

Es hat eine Generation Abstand gebraucht oder einfach nur 30 Jahre und die nächste Generation, um den Prozess der Wiedervereinigung in Ostdeutschland neu und anders zu betrachten. Es sind heute nicht mehr die Vertreter der Dissidentengeneration und Künstleraktivisten wie die früh verstorbene Bärbel Bohley oder Jürgen Fuchs, Gabriele Stötzer oder Wolf Biermann, die tonangebend über die DDR und die Wiedervereinigung schreiben, sondern Nachgeborene wie Elske Rosenfeld, Peter Richter, Andreas Dresen, Ines Geipel oder Steffen Mau. 

Inzwischen entstand ein neues Bewusstsein dafür, aus dem Osten zu kommen, und das erstmals von innen. Zum Ostdeutschen wurde man in den letzten 30 Jahren vor allem durch Zuschreibungen von außen gemacht, weil das westdeutsche Normativ «Leute aus dem Osten», ähnlich wie die Migranten, noch immer schnell als von der Norm Abweichende markiert hat – wegen ihres Dialekts, ihrer Ahnungslosigkeit, ihrer angeblichen Unfähigkeit zu echter Demokratie usw. Das macht sie durch ihr Behandeltwerden zu Menschen, die erstmal lernen müssen, wie die Dinge richtig laufen. Noch immer wird kaum in Betracht gezogen, dass sie selber ja jede Menge mitgebracht haben nach diesem weiten Weg und durchaus eigene Wertvorstellungen besitzen. 

Bei den Nachgeborenen im Osten entsteht heute ein Bewusstsein der eigenen Andersheit, das oft mit der Entdeckung von Traumata und Verletzungen in ihrer Familiengeschichte einhergeht, für die man in den ersten zwanzig Jahren nach der Wende gar nicht empfänglich war, weil die Ostdeutschen viel zu stark mit ihrem Anpassungs- und Verdrängungs­pensum beschäftigt waren. So formt sich heute ein emotionales Gemenge aus formaler Normalität – schließlich sind wir jetzt länger wiedervereinigt, als die Mauer uns trennte – und einer schrittweisen Entgiftung von den schädlichen Beimengungen der deutschen Wiedervereinigungspraxis. 

Was von der DDR übrig blieb ...

Das Diverse und Andersartige, wie es die DDR hervorgebracht hat, ist inzwischen immer seltener zu spüren; es wurde überformt vom Modernisierungsschub der Nachwende, der sehr schnell das Denken und Agieren in Kategorien von Wettbewerb und Individualismus mit sich brachte. Dreißig Jahre nach der Öffnung der Mauer wissen die jungen Erwachsenen von heute oft nicht mehr, wie der Palast der Republik in Ostberlin eigentlich ausgesehen hat. Viele Symbole der DDR-Epoche sind aus den ostdeutschen Stadtbildern verschwunden – fast so wie das Wort Tiananmen durch die Algorithmen des chinesischen Geheimdienstes in der WeChat-Welt zum Verschwinden gebracht wurde, und damit auch aus der Erinnerung und dem Diskurs.

Was von der DDR übrig blieb, beginnt eine Sache für Sammler zu werden, wird zur Preziose auf ebay und dem Flohmarkt und wurde zum Stoff für Fernsehserien und Dokumentarfilme; plötzlich gestaltet sogar die «FAZ» eine Doppelseite über die Avantgarden im Osten in Farbe. Die ostdeutsche Literatur- und Kunstgeschichte wird am intensivsten von angelsächsischen und französischen Forschern aufgearbeitet, und auch das bewirkt, dass wir es langsam als ein gesamtdeutsches Kapital zu würdigen lernen. Aber das dauert lange; so wie ja auch der Zweite Weltkrieg für die Deutschen erst 1989 aufgehört hat. 

Die Mauer war das größte und schrecklichste Bauwerk Deutschlands, das der Zweite Weltkrieg zurückgelassen hat. Von ihr sind nicht mal mehr 500 Meter übrig. Sie hat sich in ein ideologisches Monument verwandelt, das vor allem auf einer ideellen Ebene überlebt und sendet. Mit der Mauer verbindet sich noch immer eine mentale Ordnung des späten 20. Jahrhunderts, die unser gesellschaftliches Selbstbild bis in die Gegenwart grundiert. Diese mentale Nachkriegsordnung wird nicht so schnell verschwinden, weil sie sich, paradox gesprochen, selber noch immer für so progressiv hält. So wurde die Mauer, ausgerechnet die Mauer, trotz der Revolution, die sie zerstörte, zum Inbild des Unberührbaren, mit dem auch im 21. Jahrhundert nicht gespielt werden darf. 

Auf der Ostseite gibt es die Erinnerungsmonopolisten der Opferverbände, die ihre Hand auf sie halten. Und im Westen gibt es die schnauzbärtigen Monopolisten der Freiheit, die angesichts der Mauer sagen: Mit der Freiheit lassen wir nicht spaßen. Die Mauer ist in Deutschland auf eine unsichtbare Weise noch immer mächtig. Diese Generation von Tempelwächtern am ideellen Monument der Mauer muss, so fürchte ich, erst aussterben, bis ein neuer, gefühlsoffener und intelligenter, reflektierter und zukunftsorientierter Umgang mit diesem Erbe möglich wird. Die Mauer «gehört» leider noch immer diesen Menschen des letzten Jahrhunderts und zementiert die moralische Überlegenheit ihres grau gewordenen Weltbildes. Wer einen anderen Umgang mit diesem Symbol sucht, wer glaubt, dass die Wiedervereinigung uns weniger vereint hat, als wir meinen, dem begegnet auch heute noch ein heftiger Gegenwind von den Mauererben in Ost und West. Leise und greise wispert er ihm entgegen: Nehmt uns unser Land nicht weg. 

Aber es ist schon weg. Wir sollten uns angewöhnen, nicht nur von der ehemaligen DDR zu sprechen, sondern auch von der ehemaligen Bundes­republik. Eine nächste Generation und viele Künstler und Künstlerinnen aus dem Ausland haben eine neue Freiheit im Umgang mit unseren Nachwende-Traumata und Bequemlichkeiten gefunden. Sie brauchen wir dringend, um über den Schmerz in unserem Land zu reden und die Erstarrung, die dieses Bewusstsein der Sieger im Gefüge unserer Gesellschaft hinterlassen hat, zu überwinden. Sonst droht auch dieses Land sich selber so fiktiv zu werden wie die späte DDR. Es brauchte Aktivisten wie Kapitänin Carola Rackete, Rezo oder Greta Thunberg, um sie zu durchbrechen, Künstler wie Philipp Ruch, Ilya Khryzanovsky oder die Initiative Frei_Raum in Leipzig, die auf dem Leuschnerplatz jeden Samstag u.a. eine mobile Station für Videointerviews mit Zeitzeugen der Wende in Leipzig errichtet. 

Neue Formen der Erinnerung

Wenn es um die Zukunft geht, ist es seltsamer Weise ein anderer Umgang mit Geschichte, der mir allerorten auffällt: Plattformen wie die open-memory-box, unsere Reihe occupy history bei den Berliner Festspielen, der Boom der DDR-Kunstausstellungen, die Erinnerungsarbeit der Kunsthalle Rostock oder das Format enter history von Frei_Raum machen die Erfahrungen, Bilder und Momente der Schönheit oder alltäglichen Würde im Leben der DDR sichtbar, ohne sie wertend zu überschreiben. Für die Veranstalter von Frei_Raum ist die Zwischenzeit der Wende, jene kurze Phase zwischen der großen Demonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 und der Volkskammerwahl am 18. März 1990, als sich der Beitritt entschied, zu einer Fundgrube inspirierender Ideen und ermunternder Beispiele geworden, die den frischen Wind, der durch das «window of opportunity» der Zwischensystemzeit wehte, ins Heute lenkt. Was wollten die Menschen damals, und was wollen sie heute? Was haben sie sich erkämpft? So entsteht ein produktiver Brückenschlag zwischen den Aktivisten und Aktivistinnen von damals und heute. 

Bernhard Schlink beklagte bei seinem Auftritt im wiedererrichteten Palast der Republik bei den Berliner Festspielen im März 2019, dass es noch immer einen auffälligen Mangel an autobiografischer Literatur aus Ostdeutschland gäbe. Was vielleicht an einer protestantischen Bescheidenheit liegt oder der altsozialistischen Haltung, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Aber wie die neueren Beispiele zeigen – dies ändert sich gerade. Wir erinnern uns plötzlich wieder an die Gründung von Parteien und Verlagen, die alternativen Politikformen, die Verfassungsdebatte und Idee eines ganz anderen Landes, wie sie diese Umbruchszeit prägte, und das vielleicht auch, weil heute so viele Veränderungen nötig sind. 

Diese neuen Formen der Erinnerung sind keine Nostalgie und bedeuten auch kein Vergessen der totalitären Seiten des DDR-Regimes, so reflexartig dieser Verdacht auch aufkommt. Die DDR-Bürger sind nicht vom Westen befreit worden wie die Deutschen von den Nazis einst durch das Ausland, sondern haben ihre Verhältnisse selbst zum Besseren gewendet. Es ist daher wichtig, dass «ich» mein Leben in der DDR in Würde erinnern kann und meine eigene Sichtweise darauf zählt. Worauf könnten die Nachkommen von sechzehn Millionen Menschen im Osten ihr Selbstvertrauen sonst gründen? Auf ihre Anerkennung durch die AfD? 

Projekt DDR

Vor wenigen Monaten wurde in Deutschland das 70. Jubiläum des Grundgesetzes gefeiert, und niemand, wirklich niemand hat den Entwurf einer neuen Verfassung, wie er vom Zentralen Runden Tisch in Vorbereitung der Einheitsvertragsverhandlungen in Auftrag gegeben wurde, auch nur erwähnt. Immerhin war die Entwicklung einer gesamtdeutschen Verfassung im Paragraph 146 des Grundgesetzes für den Fall der Wiedervereini­gung der Deutschen verankert. Die Schriftstellerin Christa Wolf hat 1990 die Präambel für diesen ostdeutschen Verfassungsentwurf geschrieben, was wie aus der Erinnerung getilgt wirkt – dabei könnten die progressiven Aspekte dieser Initiative uns heute Kraft und Inspiration für die Transformationen von heute geben, ganz abgesehen von der lebensgeschichtlichen Anerkennung, die das für viele Menschen aus der ehemaligen DDR bedeuten würde. 

Es gab in der DDR Künstler und Funktionäre, Aussteiger und Akkordarbeiter, eine Jazz- und Punkszene und hunderttausende IMs. Die DDR war ein ambivalentes, heterogenes Projekt, keineswegs nur ein Menschenversuch hinter Mauern. Sie ist auch nicht der alleinige Grund für die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland. Wer ihn verstehen will, dem wird dies paradoxer Weise besser gelingen, wenn er sich weniger auf die DDR als auf die westdeutsch dominierte Wiedervereinigungspolitik konzentriert – ihre Sprache, ihre Doktrin und neoliberalen Auswüchse in den 90ern. 

Zur neuen Ehrlichkeit zählt, dass es hier vor allem für den Westen viel Neues zu entdecken gibt. Wie gehen wir mit der Folge des Elitentransfers von West nach Ost um? Warum wird keine einzige Universität in Deutschland von einem oder einer Ostdeutschen geleitet? Warum sendet das ZDF eine Show über deutsche Musik der 80er Jahre und keine DDR-Band wird erwähnt? Warum gibt es keine Kunst aus der DDR in West-Museen, aber ein vorbildliches Nachbestücken in umgekehrter Richtung? Wie stoppen wir die Landflucht im Osten oder die Unterschiede in der Bindung an Tariflöhne? Im Verfassungsentwurf der späten DDR gab es ein Grundrecht auf Wohnen und Arbeit und die Möglichkeit, neben Parteien auch Bewegungen zu wählen. Diese Fragestellungen, die 1990 von westdeutscher Seite ausgeblendet, abgetan und als «Lyrik, Prosa und Utopie» (Rupert Scholz) belächelt wurden, kehren jetzt in ganz Deutschland als soziale Frage in den Protestbewegungen der jungen Generation auf die Straßen zurück. 

Missionierung Ost

Deutsche, die in der DDR geboren wurden, sind in öffentlichen und politischen Leitungspositionen noch immer nur mit 1,7 Prozent repräsentiert. Auf den wachsenden Rechtspopulismus im Osten schauen viele im Westen mit der Haltung, dass sich daran eben zeige, dass man leider nicht genug aufgeräumt habe mit dem Erbe der Diktatur. Aber dies lässt sich auch genau gegenteilig verstehen. Weil die sich öffnende DDR 1989 von der alten Bundesrepublik leider ausschließlich als Abwicklungsproblem aufgefasst wurde, konnte sie auch nur als Entwicklungsland be­handelt werden. So mussten die «Entwicklungshelfer» natürlich aus dem Westen kommen. Als hätte man in diesem Umbruchsland nie eigene Vorstellungen von der Entwicklung besessen. Die entsandten Beamten bekamen in den Neuen Ländern jahrelang eine tatsächlich so genannte «Buschzulage», also eine Art Schmerzensgeld dafür, dass sie in die Wildnis jenseits der alten Grenze entsandt wurden. 

Hier zeigt die offizielle Sprache sehr direkt, worum es ab 1990 ging: Der «Aufbau Ost» wurde als Missionierung verstanden. Zwar hatten die Menschen der DDR gerade selbst einen diktatorischen Staat in die Knie gezwungen, aber plötzlich machten die anderen bei ihnen Großreine. Statt Truth Commissions wie in Südafrika nach dem Ende der Apartheid zu gründen, kam es in der ehemaligen DDR zu einer Fremdsäuberung, bei der nur in seltenen Fällen die Bürgeraktivisten das Verfahren prägten, wie man mit den Tätern und Wunden des alten Systems umgeht. 

Im ersten Jahrzehnt nach der Wende schien sich die öffentliche Meinung die DDR nur als ein Land der Opfer und Täter vorstellen zu können, und entsprechend sollten sich die ehemaligen DDR-Bürger und -Bür­gerinnen selbst einsortieren. Als sei ihnen nichts anderes zuzutrauen, wurden sie ein zweites Mal von ihrer eigenen Geschichte «befreit», indem nun politbiografische Evaluierungsverfahren und Aufarbeitungs-Stiftungen ihre Arbeit begannen und sie von der Urheberschaft ihrer eigenen Geschichte entfremdeten. Der Effekt dieser Politik ist, dass in Ostdeutschland heute in nahezu allen Leitungspositionen die «Entwicklungshelfer» der ersten Generation sitzen, deren Netzwerke sicher auch noch eine zweite und dritte Generation prägen werden. 

Angela Merkel und Joachim Gauck werden oft als Beweis angeführt, wie weit es Ostdeutsche in der gesamtdeutschen Gesellschaft bringen konnten. Ja, Angela Merkel ist aus dem Osten, aber man merkt es ihr nicht an. Vielleicht war genau dies ihre Leistung. Was an ihr als Politikerin positiv bewertet wird, ihre pragmatische Intelligenz und ihre Reife als Strategin und Staatsfrau, wird nicht mit ihrer Herkunft aus der DDR verbunden. Ihr kam, vermute ich, ihre in der DDR geprägte Scheu vor der Ideologisierung von Sachfragen zu Hilfe. Paradoxerweise ist ihr Erfolg aber gerade der, dass kaum ein Ostdeutscher und keine Ostdeutsche sagen würde: Das ist «meine» Kanzlerin. Das muss man erstmal schaffen.  

Die Tochter von TINA

Aber sollte ich mit diesen Beispielen nicht aufhören? Sie spalten und lösen nur immer neue Vorwürfe und Selbstverteidigungen aus. Ja, ich muss damit aufhören. Ich möchte, für mich, seit einiger Zeit finden und stärken, was die Freundlichkeit vermehrt. Es gab 1989 ehrlichen Enthusiasmus im Westen genauso wie einen neuen Opportunismus im Osten. Wir waren alle überrascht. Vor der Revolution von 1989 hatte niemand in Ost und West die Wiedervereinigung mehr auf der tagespolitischen Agenda. Auch Helmut Kohl nicht. Wir hatten uns an zwei deutsche Staaten gewöhnt, ohne die Mauer und die Mauertoten zu billigen. Dennoch war die Trennung gelebte Normalität. Die gleichen Leute, die sich heute in den östlichen Bundesländern vom Westen dominiert fühlen, stürzten sich damals Hals über Kopf ins Reich der Reichen. Auch ich hielt 1990 nichts vom Dritten Weg und den Aufrufen «Für unser Land» – es war nicht mein Land. Und staunend merke ich, wie es Jahrzehnte später dann doch dazu geworden ist und sehe, wie diese DDR in zahllosen Foren auf Twitter oder Facebook wiederkehrt und Menschen aus der ganzen Welt ihr Erbe wie die Hinterlassenschaft eines Stammes sammeln, tauschen, diskutieren und fiktionalisieren. Quasi über Nacht wurden seine anders modernen Artefakte, bizarren Ideen und Bilder museumsreif. 

Ich glaube, ich bin noch immer kein richtiger Deutscher geworden. Als DDR-Bürger wurde ich vor der Wende im östlichen Ausland in der Regel als Nicht-Deutscher behandelt, denn es war nicht die Sprache, die einen zum Deutschen machte, sondern die D-Mark. Wer sie hatte, war «Deutscher». Im Urlaub in Ungarn, in Polen oder der Tschechoslowakei hörte ich häufig die Frage: Bist du Deutscher oder aus der DDR? Und dieser Ostler bin ich wahrscheinlich geblieben. Der Staat – das waren die anderen. 

Diese Kleinbürgerdiktatur der DDR hat bis heute viel Verzweiflung bewirkt, aber keine Unfähigkeit zur Demokratie. Der Aufstieg der AfD resultiert nicht aus der mangelnden Demokratieerfahrung, sondern aus der Erfahrung, dass die Demokratie ihnen so vieles nicht erspart hat. Die AfD ist eine Tochter von TINA. Sie ist eine Partei der Angst. Sie ist kein Produkt des Ostens, sondern eines, das sich im Osten besonders gut verkauft. Sie ist die Folge des Neoliberalismus, der einen Kulturschock ausgelöst hat: Sieh zu, wie du durchkommst, den Letzten beißen die Hunde. Ihn hat die AfD ernster genommen als jede andere Partei. Diese zweite Revolution griff die sozialen Schutzräume der Gesellschaft genauso wie die der Familie an und verflüssigte Werte, Institutionen und das Kapital in so beängstigender Weise, dass eine ganze Generation von Demokraten das Gefühl hatte, ihre Heimatinsel retten zu müssen. Erst die «Generation Rezo», die erfolgreich vermeidet, von sich als Generation zu sprechen, ist dabei, dieses Angst-Spiel zu durchbrechen und eine eigene Sprache und neue Wege zu finden. 

Seit einiger Zeit gebe ich mir große Mühe, die 89er Revolution in der DDR, die vom Tahrir-Platz in Kairo, vom Gezi-Park in Istanbul, den arabischen Frühling oder die Bewegung Occupy Wallstreet nicht mehr als «gescheitert» zu betrachten. Denn die ihnen vorausgehenden ideologischen Revolutionen von rechts und links haben im 20. Jahrhundert eine Vorstellung von «Revolution» begründet, die mich blind gemacht hat für das, was heute wirklich revolutionär ist. Diese samtenen Revolutionen haben diktatorische Systeme gestürzt, und obwohl sie nicht verhindern konnten, dass neue Diktaturen entstehen, haben sie unsere Empfindung von dem, was normativ und legal ist, für immer verändert. Sie haben die Pausentaste der Geschichte gedrückt und die Routinen dieser Systeme durchbrochen, woraus eine andere, horizontale Art zu denken und Entscheidungen zu treffen entstanden ist. Diese Erfahrung bleibt, genauso ihre Techniken der Notwehr und des Überlebens. 

Kein Programm gehabt zu haben, keine führende Partei und keine Übernahme der Posten anzustreben, machte diese Bewegungen nicht korrumpierbar. In dieser Tradition sehe ich die Revolution von 1989, und darin sehe ich ihren Wert für unsere Gesellschaft heute. Ihr Occupy-Modus wirkt tiefer als die Übernahme der Macht der Rechten durch die Linken, denn er änderte, für kurz, die Spielregeln des Systems. Aus den alternativen Zellen dieser neuen Umbruchsbewegungen wird, das ist meine Zuversicht, etwas Neues entstehen, und diese Veränderung steht der Revolution von 1989 näher als dem Gewusst-Wie der toxischen Entwicklungshelfer. Die Klugheit der Jungen wird mit diesen ersten Revolutionen des 21. Jahrhunderts ganz sicher weiterspielen.

Thomas Oberender, geboren 1966 in Jena, war von 1999–2006 Chefdramaturg in Bochum und Zürich (Intendant Matthias Hartmann), von 2007–2011 Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und ist seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele.


Theater heute November 2019
Rubrik: Essay, Seite 4
von Thomas Oberender