Im Herz der europäischen Finsternis
Selten hat in Berlin eine Kuratorin die Gemüter so schnell gespalten wie die Belgierin Frie Leysen. Und das, obwohl ihr Festival «Foreign Affairs» nur einen Monat dauerte und im nächsten Jahr, wenn Leysen für die hochdotierten Wiener Festwochen arbeitet, schon wieder eine andere Handschrift tragen wird.
Für ein einmaliges Zwischenspiel fiel die Reaktion heftig aus: Der«Welt»-Kritiker Matthias Heine warf der «Theaterdomina» vor, ihr Programmheft lese sich «wie ein sowjetisches Propagandapamphlet aus der Zeit des kältesten Krieges»: «Die vorgestellten Produktionen verkünden alle mehr oder weniger den Untergang der westlichen Zivilisation. Und sie suhlen sich in der Überzeugung, dass dieser absolut gerechtfertigt sei – vor allem aufgrund der kolonialen Vergangenheit.» Andere, wie der Berlin-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» und Stadtmagazinredakteur Peter Laudenbach, priesen dagegen die «ziemlich großartige Festivaldirektorin» für ihren «erfrischenden Neubeginn»: «Es fühlte sich an, als hätte jemand das Fenster geöffnet und den Mief des alten West-Berlins mit seinen Anzugträgern samt ihrer saturierten Langeweile, ihrem albernen Distinktionsgespreize (…) weggepustet.»
Keine ...
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Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Festival, Seite 46
von Eva Behrendt
Es war einmal ein Kind, das wollte endlich mal auch zu Wort kommen, d.h. es war eigentlich kein Kind, aber in Zeiten vor der großen Krise wurde so jemand Kind genannt. Man sagte ihm, es solle erst einmal wirklich zuhören lernen. «Kann ich doch!» entgegnete es seinen Eltern, die eigentlich nicht seine Eltern waren, sondern was anderes, aber die glaubten ihm ohnehin...
Der Baum ragt mächtig in die Höhe. Er muss ein biblisches Alter haben. Um den Stamm schlängeln sich Luftwurzeln über den Boden, schenkeldick, fantastisch verknotet, voller Fußangeln. Muriel Gerstners Bühnenbild im Schauspielhaus Zürich ist wie für den Sündenfall geschaffen.
Gefühlsverwirrung, Geschlechterverwirrung, Identitätsverwirrung – das ist das Knäuel, aus...
Bei lebendigem Leib zerstückelt, mit Fußtritten getötet, vom Auto überfahren – tote Kinder sind in Dea Lohers Literatur ein ständig wiederkehrender Schock, um von der Hilflosigkeit des Trauerns zu erzählen. Das verzweifelte Ringen um Tapferkeit, das als Leitmotiv seit Anfang der Neunziger ihre Stücke und auch ihren jüngst erschienenen Roman «Bugatti taucht auf»...
