Ein kapitalistisches Weihnachtsmärchen
Es war einmal ein Kind, das wollte endlich mal auch zu Wort kommen, d.h. es war eigentlich kein Kind, aber in Zeiten vor der großen Krise wurde so jemand Kind genannt. Man sagte ihm, es solle erst einmal wirklich zuhören lernen. «Kann ich doch!» entgegnete es seinen Eltern, die eigentlich nicht seine Eltern waren, sondern was anderes, aber die glaubten ihm ohnehin nicht. Also zog es in die Welt, d.h. «die Welt» war mehr so eine Einzimmer–wohnung, wie es sie heute gar nicht mehr gibt, weil Einzimmerwohnungen zu Recht hier niemand mehr will, wir leben heute ja alle zusammen.
In dieser Einzimmerwohnung saß nun unser Kind und hatte an allen drei Wänden Nachbarn, denen es eine Weile zuhörte, bis es auf die vierte Wand aufmerksam wurde, die nach draußen ging, auf den Hof. Da gab es auch viel zu hören. Meist kloppten sich zwei Typen oder es kam zu Streitgesprächen über die Entwicklung irgendwelcher Aktien. «Das ist die Börse!» sagten die Nachbarn zur Linken, «Quatsch, nur die Derivatemärkte!» riefen die zur Rechten, und die, die hinter dem Kind wohnten, meinten gar nichts, machten nur Krach mit ihren Flachbildschirmen, X-Boxen, computergesteuerten Haushaltsgeräten, Schlagbohrern, nein, ...
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Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Kathrin Röggla
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