Im Gänsemarsch zur Kunst

Martin Crimp/Mark Ravenhill «Die Stadt/Der Schnitt»

Theater heute - Logo

Ein imposantes Empfangskommando hat Thomas Ostermeier für seinen Britplay-Doppelabend «Die Stadt/Der Schnitt» zusammengetrommelt. Zuerst schleust er sein Publikum im Gänsemarsch durch schwarze Gänge, die an die Sicherheitsabsperrungen am Flughafen erinnern. Dann stellt er es zwischen vier Screens des hochdotierten Videokünstlers Julian Rosefeldt, auf denen einsame Menschen durch leere Verwaltungsflure, monochrome Labore und endlose Eislandschaften wandeln.

Eine Tänzerin, eingesperrt in einen Ikosaeder, performt zwischen den Zuschauern das Locked-in-Syndrom, und der Musikperformer Alex Nowitz jongliert auf einem Podest geräuschvoll mit elektromagnetischen Schwingungen. 

Während ein Kunstereignis ins andere greift, stellt sich die Frage: wozu? Um das Publikum geheimnistuerisch darauf einzustimmen, dass, wie die Dramaturgie steil behauptet, «der paranoide Reflex auf die Wirklichkeit zum emotionalen Grundton unseres Alltags» geworden ist? Weil in Jan Pappelbaums pompösem Raumkonzept, das die gesamte Bühnenfläche der Schaubühne beansprucht, noch Platz war? Oder weil die beiden Wellmadeplays, die das geteilte Publikum auf zwei verschiedenen Bühnen in Folge sieht, einfach noch zwei, drei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2008
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Weite, Tiefe, Höhe

Es war ein denkwürdiger Abend, Ende Mai im letzten Jahr, als «König Lear» am Wiener Burgtheater Premiere hatte. Diverse Shake­speare-Stücke waren im Rahmen von Klaus Bachlers Shakespeare-Zyklus bereits über diese Bühne gegangen und alsbald wieder vergessen worden. Nun das: ein Epos von fünf Stunden, mit großem Atem inszeniert, märchenhaft und hochaktuell in einem –...

Den Schmerz verwandeln

Die Urszene? Vielleicht diese (schwarz-weiß): ein kleines Mädchen auf einem Schulhof, Hamburg, späte 40er Jahre. Zöpfe wahrscheinlich, ein klares, norddeutsches Gesicht, blaue Augen, breite Wangenknochen. Die Nase blutet. Sie hat sich geprügelt, und ist doch eigentlich ein liebes Mädchen, geprügelt um eine Rolle, die erste ihres Lebens: Hauptvögelchen in «Hüang und...

Künstlerdämmerung

Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durch­geknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...