Haut und Knochen

Schiller «Maria Stuart»

Theater heute - Logo

Schiller ist ja berühmt für seine genialen Schlusssätze. «Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.» Peng. Schluss, aus, Vorhang. Da steht die Queen Elizabeth ganz schön blöd da, ihre Feindin, die Stuart, ist zwar endlich tot, aber ihr (virtueller) Liebhaber, Lord Leicester, verschifft sich ausgerechnet zum katholischen Erzfeind nach Frankreich. Lässt sich auch noch – durch eine Hofschranze – hämisch entschuldigen.

In Stefan Bachmanns Düsseldorfer Inszenierung sagt Leicester den süffisanten Satz freilich selbst, indem er sich davonschleicht, das ist besetzungstechnisch effizient, aber auch ein bisschen weniger effektvoll.

Vieles an dieser Inszenierung hat vor allem den Anschein, als wolle der Regisseur uns den Spaß an den verdächtigen Trümpfen des Stücks verderben, an der funkelnden Rhetorik, an der hollywoodmäßigen Spannungsdramaturgie, an den Effekten. Alles wird heruntergedimmt, der Text abgespeckt bis auf Haut und Knochen – bloß kein Pathos! Aber Misstrauen gegen Schillers rhetorischen Prunk fördert keineswegs den mutmaßlichen Kern der Sache zutage, sondern gleicht dem gemächlichen Knacken einer hohlen Nuss. 

Melanie Kretschmann ist als Maria Stuart bis ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2008
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Martin Krumbholz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wieder nix

Ich wiederhole mich nur ungern, aber mir fehlt in der Auswahl des Theatertreffens auch in diesem Jahr eine Peter-Handke-Inszenierung von Friederike Heller. 2007 war die Wiederentdeckung der alten Kapitalismuskomödie «Die Unver­nünf­tigen sterben aus» übergangen worden, jetzt hat man eine Inszenierung von Handkes jüngstem Drama «Spuren der Verirrten» ignoriert, die...

Künstlerdämmerung

Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durch­geknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...

Gegenkritik

Liebe Leserin, lieber Leser, die freundliche An­frage, eine Gegenkritik zu den Besprechungen über «Die Stadt und Der Schnitt» zu verfassen, hat mich gefreut. Ein solcher Text kann allerdings nur von jemandem geschrieben werden, der die Kritiken auch gelesen hat. Tatsächlich habe ich dies nicht – direkt nach Premieren lese ich nie Kritiken, sondern warte damit ein...