Hundertmal Chaos
100% Narva› bewegt mich immer noch», schreibt die estnische Kulturjournalistin Madli Pesti in ihrer Reportage über die Aufführung von Rimini Protokolls partizipatorischem Projekt Mitte November 2022. «Die Äußerungen meiner Landsleute in der Performance bleiben verstörend. Ich kann es nicht fassen, dass meine Mitbürger sich abwenden bei der Frage, ob sie die ‹Spezialoperation› in der Ukraine unterstützen.
Oder dass jemand erwiderte: ‹Hände weg von sowjetischen Denkmalen, lasst die Geschichte in Ruhe und alles, was mit Russlands früheren Siegen zu tun hat!›»
Wie viele andere Besucher:innen der Aufführung war die Kulturjournalistin aus der 210,5 km entfernt liegenden Hauptstadt Tallinn mit dem Bus angereist: Narva ist die drittgrößte Stadt in Estland. Sie liegt an der Außengrenze der EU zu Russland und ist das Zentrum der russischsprachigen Minderheit, zu der etwa 95 Prozent der 53.982 Einwohner:innen gehören. Historisch eng mit Russland verbunden, steht die Grenzstadt in einem sprachlichen, kulturellen und politischen Spannungsfeld zur Republik und der EU, das sich durch die russische Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 weiter polarisiert hat. – «100% Narva» ist die bislang ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Streitstoffe, Seite 82
von Anja Quickert
Vielleicht liegt es an der Dichte der Theaterwände, die für Schallschutz sorgt. Dass Ereignisse von außen nicht hereindringen. Dass weder die Menschen darin noch die Institutionen als solche erreicht werden. Dass das zarte Zischen einer Kerze, zertreten von einem Stiefel, nicht gehört wird. (Aber natürlich nicht; zu weit weg, zu klein, zu schnell). Auch nicht das...
Wann haben Sie sich zuletzt so richtig geärgert, und warum? Nichts leichter, als diese Frage zu beantworten, dachte ich zuerst, und dann wurde es doch schwer, da ich mich im Theater ständig ärgere. Gerade kam ich an ein Theater als Gast zurück, in dem ich länger fest gearbeitet habe, und ein ehemaliger Kollege sagte zu mir, dass er meine Wut in den Sitzungen...
Vor ein paar Wochen hatten wir die Leseprobe eines Stücks, dessen Probenstart für November angesetzt war. Der künftige Regisseur saß dabei mit seiner künftigen Besetzung, dem Übersetzer, der Dramaturgie und der Intendantin. So werden oft künstlerische Entscheidungen bei uns in Tel Aviv getroffen. In diesem Fall schienen sich alle anwesenden Kollegen in das Stück...
