Horrorladen Mehrheitsgesellschaft
Wenn ich einen Wutanfall kriege, dann gibt es meistens diesen einen, ganz lichten Moment, in dem mir klar wird, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängen muss. Das ist der Augenblick, in dem der Anfall in einen Rundumschlag umkippt und ich von der Euphorie, eventuell am Weltgeist geschnuppert zu haben, schier übermannt werde.
Dieser überkomplexe Erkenntnisblitz hält sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, und dann schwappt die eine, konkrete Aggression auf alles über, was mich nervt und schon lange mal gesagt werden musste und wird (naturgemäß) ungenau, gemein, selbstgerecht, unterkomplex, und ich mache mich (wahnsinnig) angreifbar. Aber das ist dann auch schon egal.
Also neulich zum Beispiel, da hatte ich die Eingebung, dass das ganze Theater, so wie es sich gerade darstellt, einfach nur eine überkommene und furchtbar ausschließende Maschinerie ist, die dazu dient, irgendwelche blöden Privilegien bürgerlicher Deppen (da gehöre ich leider auch dazu), die nicht begreifen, dass die Zeit gerade über sie hinweg geht, zu verteidigen. Und damit funktioniert es unfreiwillig als Spielgelbild unseres politischen Systems. Jawohl.
Aber erst mal Luft holen und von vorne. Der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Björn Bicker, Seite 8
von Björn Bicker
An manchen Tagen genügt eine Zeitung, um die Zeit zu versammeln. Der 28. März 2011 war so ein Tag, und die Zeitung eine «Süddeutsche». Auf der ersten Seite unten müssen gerade wieder einmal die Arbeiter aus den Trümmern des Atomkraftwerks Fukushima abrücken, weil ihnen das hochradioaktive Wasser sonst die Füße verbrennt. Oben steht der baden-württembergische...
Als Sie alle das «Verrückte Blut» im vergangenen Jahr herausgebracht haben, tobte gleichzeitig die Sarrazin-Debatte. Ihre gefeierte und auch beim Berliner Theatertreffen gezeigte Aufführung handelt von einer konfliktgeladenen Schulklasse und spielt mit den Klischees, aber auch den Wahrheiten von muslimischen Macho-Jungs und vermeintlich unterwürfigen...
Das Bühnenbild des Jahres ist bereits verschrottet, nach der letzten Vorstellung beim Theatertreffen im Berliner Mai reiste das Ensemble von «Tod eines Handlungsreisenden» mit leichtem Gepäck zurück nach Zürich. Sehr zum Ärger von Robert Hunger-Bühler, der in diesem verschwenderischen Traum der fünfziger Jahre, wie ihn Stéphane Laimé für den Regisseur Stefan Pucher...
