Hoffnung auf Änderung

Jan Neumann «Herzschritt»

Theater heute - Logo

Viel Unglück für Ursula, Anfang 60, allein­stehend, kinderlos. Abends wird sie von ihrer unerbittlich geselligen Mutter terrorisiert, mittags von der netten Kollegin Sabine niedergeredet. Zwischendurch flieht sie in erotische Fantasien mit Harald, ihrem ersten Freund. Dann stirbt die Mutter, und Ursula wird arbeitslos. Folgt ein freudloser Urlaubsversuch und eine triste Männerbekanntschaft mit einem geilen Rentner, der sie auch noch sitzen lässt.

Am Ende soll sie nach dem Willen ihres Autors sogar die lindernden Träumereien mit Harald aufgeben, um nach Silvester ein neues Leben zu beginnen.

Jan Neumanns «Herzschritt» türmt die Klischees des Sozialdramas vom ausweglosen Unglück mit finalem Hoffnungssilberstreif furchtlos übereinander und lässt dabei offen, ob er das Genre in die tiefste Verzweiflung oder die gröbste Parodie stürzen will. Gesprochen wird – von Sabines Logorrhoe einmal abgesehen – wortkarg wie beim frühen Kroetz, was 30 Jahre nach «Heimarbeit» allerdings nicht mehr nach sozialer Not klingt, sondern nur noch beschränkt.

Menschen auf der Bühne müssen nicht unbedingt intelligent sein, wenn sie nur ein Problem haben, mag sich Katja Paryla gesagt haben. Ihre Ursula steht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2008
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Murder stuff und andere Menschheitsträume

This murder stuff turns you on?», vergewissert sich Wayne, bevor er Brad, dem er sich selbst als Mörder vorschlägt, einen Film zeigt, in dem er an der Ermordung eines Teenagers beteiligt ist. Wir befinden uns mitten in Gisèle Viennes Puppenspiel «Jerk» und in einem Text, den der junge Solo-Performer Jonathan Cape­devielle im Publikum verteilt hat. Waynes Frage an...

Spaß und Gewalt

Schon beeindruckend, wie zwei leidenschaftliche Präzisionsschauspieler auf freier Bühne eine große Nummer bauen: Wie Samuel Finzi den Köder seiner vollgepissten Bierflasche mit pubertärer Erwartungsfreude auslegt, und Wolfram Koch gekonnt ziellos draufzustolpert, wie er das Gesöff lustvoll in sich hineinlaufen lässt und sich der Ekel zeitversetzt wie kleine...

Wir sind Bohème

Bombastische Rockmusik. Das Skelett einer Kirche. Nebelschwaden. Ein einsamer Männerschatten zeichnet sich am Bühnenhorizont ab, wandert nach vorn an die Rampe und sagt «Krieg». «Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg.» Die Platte des Propheten hängt. Peter René Lüdicke artikuliert weitere zwei­hundert Mal «Krieg», gefolgt von heikleren «Hun­gersnöten» und...