Hoch hinaus und tief hinab

Von Düffel nach Mann «Joseph und seine Brüder»

Theater heute - Logo

Ein zentraler Satz in Thomas Manns alttestamentarischem Weltdeutungs-Roman «Joseph und seine Brüder» lautet: «Die Sphäre rollt.» Geschichte als das Geschichtete kann sich immerzu wenden. Wolfgang Engels konzentriert minimalistische Uraufführung der John-von-Düffel-Dramatisierung beginnt als Vorspiel auf dem Theater.

Wie Talmud-Gelehrte verhandeln die Darsteller die biblische Genealogie, setzen sich in Beziehung dazu, probieren Muster des «nach hinten offenen Ichs»: die poröse Identität der damaligen Menschen, in der der Einzelne sich in den Vorvätern spiegelt und aus ihnen Sinn und Form bezieht. Wechselspiel und Kleidertausch prägen die fünfstündige Inszenierung, in der sechs (hoch engagierte) Schauspieler für die Fülle des Personals, ob Mann oder Frau, Zwerg oder Götterbote, genügen. Engels eher diskursiver als dramatischer, episodisch aufgelöster Spannungsbogen gründet im Illusionsraum Theater. Gleichwohl ist er realer als Thomas Mann, der in seiner Tetralogie den «Mythos ins Humane umfunktionieren» wollte.

Im Düsseldorfer Schauspielhaus hat Olaf Altmann hinter dem Eisernen Vorhang einen holzverschalten Kasten mit vier Seitenrängen zur geschlossenen Welt verbaut. Im Zentrum das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Andreas Wilink

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zwei Keller voller Leichen

Ob er das Erdbeben nicht bemerkt hätte: «Die Erde schwankte etwas …», sagt Monika. Aber Gerd hat natürlich wieder einmal gar nichts mitbekommen. Sein Seismograf schlägt weder bei Naturkatastrophen aus, noch registriert dieser glatte Geschäftsmann Verwerfungen in seiner Beziehung. Also glotzt er nur blöd, pflanzt sich auf das Sofa und wartet erst einmal ab, was da...

Schnee im Sommer

Rien ne va plus. Auf einem Flughafen, dem klassischen Nicht-Ort der Postmoderne, hat Tena Stivicic den Reisenotstand ausgerufen. Vermutlich ist die junge kroatische Autorin mit Wohnsitz in London und europäischer Karriere selbst Dauergast in Heathrow und all den anderen Passagierumschlagplätzen des Kontinents. Für ihr Stück «Funkenflug», das nach der Präsentation...

Der Direktor

Michael Merschmeier Die Kinder-Frage zuerst: Was war die erste Aufführung, an die Sie sich heute noch erinnern?

Jürgen Schitthelm Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Ich bin ja im Ostteil Berlins
aufgewachsen. 1951 haben wir mit der Klasse im staatlichen «Theater der Freundschaft»
ein Stück gesehen – fragen Sie mich nicht nach dem Autor –, das «Schneeball» hieß....