Hoch hinaus und tief hinab
Ein zentraler Satz in Thomas Manns alttestamentarischem Weltdeutungs-Roman «Joseph und seine Brüder» lautet: «Die Sphäre rollt.» Geschichte als das Geschichtete kann sich immerzu wenden. Wolfgang Engels konzentriert minimalistische Uraufführung der John-von-Düffel-Dramatisierung beginnt als Vorspiel auf dem Theater.
Wie Talmud-Gelehrte verhandeln die Darsteller die biblische Genealogie, setzen sich in Beziehung dazu, probieren Muster des «nach hinten offenen Ichs»: die poröse Identität der damaligen Menschen, in der der Einzelne sich in den Vorvätern spiegelt und aus ihnen Sinn und Form bezieht. Wechselspiel und Kleidertausch prägen die fünfstündige Inszenierung, in der sechs (hoch engagierte) Schauspieler für die Fülle des Personals, ob Mann oder Frau, Zwerg oder Götterbote, genügen. Engels eher diskursiver als dramatischer, episodisch aufgelöster Spannungsbogen gründet im Illusionsraum Theater. Gleichwohl ist er realer als Thomas Mann, der in seiner Tetralogie den «Mythos ins Humane umfunktionieren» wollte.
Im Düsseldorfer Schauspielhaus hat Olaf Altmann hinter dem Eisernen Vorhang einen holzverschalten Kasten mit vier Seitenrängen zur geschlossenen Welt verbaut. Im Zentrum das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Besser hätte das Jahr kaum anfangen können. Anfang Februar wurde Birgit Minichmayr mit Martin Kusejs Wiener Inszenierung «Der Weibsteufel» zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Mitte des Monats bekam sie ihren ersten Filmpreis, als die Berlinale-Jury sie für ihre Rolle der Gitti in Maren Ades Beziehungsdrama «Alle anderen» mit dem Silbernen Bären auszeichnete....
Zu den wohlfeilsten Abwehrreflexen, die beim Ansehen eines künstlerischen Vortrags oder eben eines Theaterabends entstehen, gehört das Etikett: «krank». Warum? Weil «krank» eben nicht wir sind. Wir sind normal, und die da auf der Bühne sind krank. Man kann nur Vermutungen anstellen, warum diese Reflexe immer wieder so schnell greifen. Erzeugen die Figuren eine...
Die Comédie-Française ist das Theater Molières und noch immer eine von Frankreichs wichtigsten Bühnen: das «Théâtre français» oder kurz «le Français». Die Comédie-Française kämpft aber auch nach wie vor gegen einen verstaubten Ruf. Deklamationstheater, Beamtenschauspieler, Schnarchkunst – Muriel Mayette, seit zwei Jahren Intendantin, tut viel dagegen, sei es mit...
