Gegenkritik: Stephan Kimmig

Wer ist schon «normal»? Stephan Kimmig hält die Kritik an seiner Inszenierung von Dennis Kellys «Liebe und Geld» für einen Abwehrreflex.

Theater heute - Logo

Zu den wohlfeilsten Abwehrreflexen, die beim Ansehen eines künstlerischen Vortrags oder eben eines Theaterabends entstehen, gehört das Etikett: «krank». Warum? Weil «krank» eben nicht wir sind. Wir sind normal, und die da auf der Bühne sind krank. Man kann nur Vermutungen anstellen, warum diese Reflexe immer wieder so schnell greifen. Erzeu­gen die Figuren eine Nähe zum Zuschauer, die dieser nicht erträgt? Das wäre meine These. Und Nähe produziert Abwehr. Deshalb behauptet man, das kenne ich schon alles. Das ist doch nix Neues. Damit hält man sich Kellys Gedanken vom Leibe.



Denn Kellys Figuren sind uns näher, als mancher wahrhaben möchte. In unserer Aufführung pro­bieren wir, die Figuren an den Zuschauer heranzuführen, sie mit dem Zuschauer bekannt zu machen. Die Schauspieler erzählen die Figuren, um sie später auch zu spielen; deshalb sitzen die Schauspieler am Anfang rum und erzählen von und durch sich, in einer Art, die Nähe voraussetzt, die nicht vorführt, sondern sich öffnet zum Zuschauer. Da wird kein Drama aus dem Boden gestampft. Das Drama kommt erst später. Wir finden es wichtig, mit Kelly zu untersuchen, ob wir nicht längst alle kaufsüchtig geworden sind, denn ab wann, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Stephan Kimmig

Vergriffen
Weitere Beiträge
Schleef ist das All, und alle sind gegen Schleef

 

Geboren 1944 zu Sangerhausen in Thüringen, gestorben 2001 in Berlin. Der Regisseur, Schriftsteller, Bühnenbildner, Maler und manische Tagebuchschreiber, der 1976 die DDR verließ, hat in den 80er und 90er Jahren Publikum und Kritik gespalten in rasende Bewunderer und wütende Verächter. Zuletzt arbeitete er vor allem am Berliner Ensemble, am Wiener Burgtheater und...

"Die Liebe killt mich noch"

Besser hätte das Jahr kaum anfangen können. Anfang Februar wurde Birgit Minichmayr mit Martin Kusejs Wiener Inszenierung «Der Weibsteufel» zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Mitte des Monats bekam sie ihren ersten Filmpreis, als die Berlinale-Jury sie für ihre Rolle der Gitti in Maren Ades Beziehungsdrama «Alle anderen» mit dem Silbernen Bären auszeichnete....

Schnee im Sommer

Rien ne va plus. Auf einem Flughafen, dem klassischen Nicht-Ort der Postmoderne, hat Tena Stivicic den Reisenotstand ausgerufen. Vermutlich ist die junge kroatische Autorin mit Wohnsitz in London und europäischer Karriere selbst Dauergast in Heathrow und all den anderen Passagierumschlagplätzen des Kontinents. Für ihr Stück «Funkenflug», das nach der Präsentation...