Hinterm Horizont geht’s weiter
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten befreit worden. Nun gab es überall Trümmer und kaputte Seelen. Das größte Unglück seit Menschengedenken steckte der Welt tief in den Knochen.
Europa war am Nullpunkt: Jede Frau, jeder Mann, jedes Land fing erstmal wieder ganz bei sich selbst an.
Aus dieser Zeit stamme ich. Das heißt, in diese Zeit wurde ich hinein- geboren, und aus dieser Zeit wollte ich heraus. Meine Welt reichte nicht viel weiter als bis zur Tür meines Elternhauses und zu den Grenzen unseres kleinen Dorfes. Und ich glaube, so wie mir ging es damals vielen. Deshalb bin ich heute noch ein Dorfmensch und gleichzeitig immer auf der Suche.
Deshalb habe ich noch, als ich mehr als sechzig Jahre später Intendant der Münchner Kammerspiele wurde, diesen Satz zu unserem Motto gemacht: Wer sein Dorf nicht kennt, der kennt die Welt nicht. Meine Welt – und auch das ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 6
von Johan Simons
... ist in diesem Jahr eine letzte Ehrung: Mit 8 der 43 Stimmen, die dieses Jahr zu vergeben waren, wurde der vor einem Jahr überraschend verstorbene Bert Neumann posthum mit seiner Volksbühnen-Versiegelung, die wie ein Abschied wirkte, zum vierten Mal seit 2001 Bühnenbildner des Jahres. Der lange Abschied der Castorf-Volksbühne, die 2017 Chris Dercon übernehmen...
Die erste Entscheidung war die schwierigste: einem Stück den Titel «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2» zu geben. Als die Uraufführung näherrückte, kamen Anrufe von Journalisten, auch aus dem Ausland. «Rechnen Sie mit einem Skandal?» – «Nö.» – «Aber das wird doch sicher Wellen schlagen, gibt es schon Gegenwind?» Antwort: «Nö.»
CNN hatte sich zum Filmen angemeldet,...
Ein wolkenloser Tag im Mai. Ein Frühlingstag. Ein Junge, keine sechs Jahre alt, läuft entlang eines Baches den Vögeln hinterher. Der Bach teilt Hügel und Felder. Auf der einen Seite wächst Wein, auf der anderen weiden Kühe, Pferde und Schafe. Zwei Dörfer liegen an diesem Bach, «aneinandergeschmiegt wie Zwillinge im Bauch der Mutter». Und der Legende nach waren die...
