Herz und Ziegelstein

Rede zur Verleihung des Gordana-Kosanovic-Schauspieler:innenpreises in Mülheim/Ruhr an Vidina Popov

Theater heute - Logo

Vor bald 40 Jahren, im Mai 1986, hatte Gordana Kosanovic, nach der dieser Preis benannt ist, Premiere mit Wedekinds «Lulu». Es war ihre zweite Lulu in einer Inszenierung von Roberto Ciulli und ihre letzte Rolle. In der ersten Lulu fünf Jahre zuvor hatten sich drei Schauspielerinnen die Figur geteilt und ihre jeweiligen Perspek -tiven darauf gezeigt, eine davon Gordana Kosanovic; jetzt war es ein Solo-Projekt.

Die Kritiken, die man noch nachlesen kann, haben sich damit ziemlich schwergetan, am genauesten hat es Benjamin Henrichs von der «Zeit» zu fassen versucht, obwohl auch er an einer Stelle seine Ratlosigkeit offenbart, wenn er schreibt, man könne nicht sagen, dass die Schauspielerin ihre Riesenrolle in jedem Moment «ordentlich» bewältigt habe. Aber was, bitte, ist an einer Lulu schon ordentlich? Das Außerordentliche an Gordana Kosanovic war – und zwar Jahre vor Peter Zadeks und Susanne Lothars Hamburger «Lulu» – ihre deutlich offensivere und aggressivere Unordentlichkeit.

Den eigentlichen Impuls der Inszenierung hat Henrichs genau beschrieben: «Sie (also Lulu/Kosanovic) ist, in einer ziemlich einzigartigen Weise, unausstehlich und unwiderstehlich zugleich. Ihre ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2024
Rubrik: Akteure, Seite 34
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wasser in diversen Behältern

Ist das Stück ausgefallen? Bin ich zu spät, erst zum Nachgespräch in die Kölner Tanz-Faktur gekommen, mitten im launigen Betrieb des Impulse-Theaterfestivals, Show -case in Köln? Ein wenig verknautscht sieht der Künstler aus, wie er da neben dem Moderator auf der Bühne sitzt und mit strengem Blick über die vermeintlich vergangene Performance und sein neuestes...

Hoffnung ist süßer

«Man darf die Brücken nicht abreißen lassen.» Theaterdirektor Karl spricht diese Worte mit Blick auf seine Frau Edda ebenso gelassen wie sehnsüchtig aus. Sie markieren den diskursiven Stand des Heute genauso wie die Moral von Kleists «Kohlhaas», der hier in Meiningen in einer Bearbeitung von Björn SC Deigner auf die Bühne in den Kammerspielen gekommen ist. Deigner...

Rasender Stillstand

Alles an Thomas Manns «Zauberberg» scheint sich gegen die Bühne zu sträuben, ist doch das Ziel des viele hundert Seiten langen Romans die Übersetzung eines aus den Fugen geratenen Zeitgefühls in Prosa. Trotzdem oder gerade deshalb schafft es dieser Romanklassiker immer wieder auf deutschsprachige Bühnen – kompakt nacherzählt wie im vergangenen Jahr bei Bastian...