Helvetisches Unbehagen

​​​​​​​Max Frisch, Ralph Tharayil «Öderland» an den Bühnen Bern

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Ein irrationaler Amoklauf aus der Mitte der Gesellschaft heraus: «Graf Öderland», das Frisch als sein Lieblingsstück bezeichnet hat, vielleicht weil er darin dramaturgisch so frei von Zwängen ist wie in kaum einem anderen, ist zugleich sein unzugänglichster Bühnentext. Ein Staatsanwalt kann keinen Sinn mehr erkennen in dem, was er tut. Er bricht aus, lehnt sich gegen das System auf, in dem er zuvor so gut funktioniert hat, wird zum Rebellen und zieht durch die Lande als «Graf Öderland mit der Axt in der Hand».

Der Fall, der ihn zum Stolpern gebracht hat, ist seinerseits absurd: ein Mord aus heiterem Himmel, ohne Motiv und ohne Begründung. Frisch stellte sein Drama 1951 unter das Rubrum «Moritat», es ist in der Tat eine Schauerballade in zwölf rasch aufeinanderfolgenden, wechselvollen Bildern und mit einer tollkühnen Drama -turgie. Der Grusel liegt darin, dass ein ganz gewöhnlicher Bürger so wild anfängt zu wüten. Das ist allerdings ein hochinteressanter Kipppunkt. Man kann an die Wutbürger unserer Tage denken, an Amokläufer, Hater im Netz; bei Max Frisch in den fünfziger Jahren hatte es auch einen existenzialistischen Hintergrund, das Absurde, die Tat ohne ersichtlichen Grund – es ...

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Theater heute April 2025
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Andreas Klaeui

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