Heiliger Zorn
So eine Erscheinung kommt dem Pfarrer nicht alle Tage unter. «Ich möchte mich als Heilige Maria bewerben», verkündet die Frau dem stillen Herrn am äußersten Bühnenrand. Pointierte Karriereplanung, keine Frage. Allerdings handelt es sich um eine Bewerbung von flatterhafter Qualität. Die Enddreißigerin stöckelt denkbar unkeusch herbei, ihr Heiligenschein leuchtet halogen, der Spitzbrustpanzer unterm Märchenhochzeitsschleier verrät, dass die Madonna, die sich hier stilberatend ausleben durfte, unter den popmodernen Ikonen zu suchen ist.
Wir treffen in der Uraufführung von Camilla Danias Debütstück «Ma-Donna» im Freiburger Kleinen Haus also auf eine berufstätige Mutter mittleren Alters, die ihr verkitschtes Alter Ego in den Ring wirft. Und eine ansehnliche Kollektion sozialrollenbedingter Neurosen dazu. Der eiserne Ring, den Samuel Hergers Bühnenpodest rahmt, deutet denn auch existenzielle Käfighaltung an, wobei das Gestänge sakrale und profane Formen schwungvoll fließend eint, gotischer Bogen hier, private Türpfosten dort.
Bevor jetzt ungebrochenes Mitleid aufkommt: Diese Frau hat ihren Mann dort verstümmelt, wo es den Lebenswandel eines notorischen Ehebrechers einschneidend ...
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Theater heute Februar 2023
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Stephan Reuter
Kann man den Holocaust darstellen? Muss man es nicht sogar, wenn fast alle Zeitzeugen verstorben sind? Vielleicht auch, um Filmen wie «Schind -lers Liste» von Steven Spielberg nicht das Narrativ zu überlassen? Der steckte übrigens in der Postproduktion von «Jurassic Parc», als er seinen Hollywood-Blockbuster über den Holocaust drehte. Darüber plaudert das Filmteam...
Die Seele ist verletzbar. Das habe ich erfahren», gesteht die Schauspielerin dem Publikum, das über die Raumbühne verteilt auf Stühlen sitzt. «Stellen Sie sich vor, Sie haben keine einzige Schublade, in die Sie Ihre Notizen legen können. Jeder Raum ist vom Geheimdienst vermessen, jedes Wort kann mitgeschnitten werden. Jede intime Handlung wird belauscht.»
Im...
In Frank Castorfs «Wallenstein»-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden – wir haben bereits das «Lager» verlassen, diversen Soldaten und Marketenderinnen gelauscht und steuern in etwa auf Minute 120 des Siebenstünders zu – erscheint Henriette Hölzel dramatisch stöhnend auf einer Hochebene in Aleksandar Denics Bühnenbild. Mit ausgestellter Geste wischt sie sich...
