Heiliger Zorn
So eine Erscheinung kommt dem Pfarrer nicht alle Tage unter. «Ich möchte mich als Heilige Maria bewerben», verkündet die Frau dem stillen Herrn am äußersten Bühnenrand. Pointierte Karriereplanung, keine Frage. Allerdings handelt es sich um eine Bewerbung von flatterhafter Qualität. Die Enddreißigerin stöckelt denkbar unkeusch herbei, ihr Heiligenschein leuchtet halogen, der Spitzbrustpanzer unterm Märchenhochzeitsschleier verrät, dass die Madonna, die sich hier stilberatend ausleben durfte, unter den popmodernen Ikonen zu suchen ist.
Wir treffen in der Uraufführung von Camilla Danias Debütstück «Ma-Donna» im Freiburger Kleinen Haus also auf eine berufstätige Mutter mittleren Alters, die ihr verkitschtes Alter Ego in den Ring wirft. Und eine ansehnliche Kollektion sozialrollenbedingter Neurosen dazu. Der eiserne Ring, den Samuel Hergers Bühnenpodest rahmt, deutet denn auch existenzielle Käfighaltung an, wobei das Gestänge sakrale und profane Formen schwungvoll fließend eint, gotischer Bogen hier, private Türpfosten dort.
Bevor jetzt ungebrochenes Mitleid aufkommt: Diese Frau hat ihren Mann dort verstümmelt, wo es den Lebenswandel eines notorischen Ehebrechers einschneidend ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2023
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Stephan Reuter
I. SONNE, LOS JETZT!
Was ist das, was da durch den Raum jagt, das bin doch nicht ich! Schauen wir mal nach, darunter kräuselt sich die Flut, Berge gibt es auch, ja, alles unter mir, ich bin es. Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang. Die Reise ist mir vorgeschrieben, obwohl ich an meiner Wanderung nicht schuld bin. Ich bin ein fixer Stern,...
Die Architektur von Spielstätten und Theatern erfährt seit einigen Jahren wieder neue Aufmerksamkeit. Das liegt offenkundig an dem Bedarf zur Modernisierung zahlreicher Häuser, die vor rund 60 Jahren errichtet wurden, und den Debatten um ihren Erhalt oder Neubau. Zugleich hat sich die Situation verändert, da zu den Stadt- und Staatstheatern viele andere Formen von...
Was sagt Tschechow zum «Rassismus-Ding»? Natürlich gar nichts, aber seine «Drei Schwestern» sind trotzdem ein gutes Sprungbrett ins Thema für Glossy Pain und ihre «Sistas!» – der Stückabdruck
Saioa Alvarez Riuz ist kleinwüchsig und ein Star in Florentina Holzingers «Ophelia’s Got Talent» – ein Porträt
Der Burgschauspieler Florian Teichtmeister wird wegen des...
