Hass, die höchste Form der Liebe
Der Kabuki-Klassiker «Tokaido Yotsuya Kaidan» ist jedem Japaner geläufig, aber niemand scheint ihn richtig zu kennen. Alle, die ich befragte, erzählten die Geschichte von der Frau mit dem entstellten Gesicht, die zum Geist wird, und dann wussten sie nicht weiter. Dabei ist das nur eine, wenn auch die berühmteste von gut zwei Dutzend Szenen. Selbst im ehrwürdigen Kabuki-za in Tokio wird meist nur diese eine gespielt – solche Best-of-Verschnitte mit Fetzen aus verschiedenen Stücken sind bei Einheimischen wie Touristen gleichermaßen beliebt.
Das liegt liegt daran, dass die Kabuki-Dramen endlos lang sind, dieses etwa, im Westen unter dem englischen Titel «Yotsuya Ghost Story» bekannt, umfasst glatte 300 Seiten und an die 50 Figuren.
Ein Ballett der Ratten
Der Autor Tsuruya Namboku (1755–1829) malt ein breit angelegtes Sittengemälde: 1825 geschrieben, zeigt das Stück den Verfall der Ständegesellschaft als gierigen Überlebenskampf einer früheren Epoche. Die Kritik an Egoismus und Gewalttätigkeit des Großstadtlebens war sicher auf seine eigene Zeit gemünzt, aber in historischer Verkleidung bot sie der Zensur weniger Angriffsfläche. Was er präsentiert, ist eine Wolfsgesellschaft, in der ...
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Mit Destillaten ist es so eine Sache. Die Verknappung und Verdichtung aufs Wesentliche, aufs gewissermaßen Hochprozentige, die der Begriff zu versprechen scheint, ist leichter angesagt als getan. Helmut Krausser nennt seinen dramatischen «Gesang vom Untergang Burgunds» ein «Nibelungendestillat» und zitiert als Motto auch gleich noch Heidegger: «Die Sprache ist die...
Messer in Hennen» von David Harrower ist so ein Beispiel dafür, wie rasch und sanft sich bis vor kurzem noch als radikal, abgründig und umwälzend gehandelte Stücke in den Stadttheater-Spielplan einfügen. Griffig und assoziativ genug der Titel (bei «Shoppen und Ficken» aus der gleichen Entstehungszeit beispielsweise würde der Kulturausschuss schon hellhöriger...
Es grünt, passend zum lauschigen Standort am Schlosspark neben Kastanien, Liegewiesen und Rosenrabatten. Statt Grafiker Grindlers «Roter Ecke», zwölf Jahre Signet der Intendanz von Friedrich Schirmer, ist jetzt ein sanftes Grün die Leitfarbe am Stuttgarter Schauspiel, die Komplementärfarbe, absichtslos? Auf Plakaten grüßen die Konturen einer geballten Faust. Das...
