Hannover: Wie im Paradiese
«Der hängt ja ganz schief», sagt Dimitrij Karamasow zu seinem kleinen Bruder, dem Mönch Aljoscha. Gemeint ist der silberne Zweimeter-Jesus, der (übrigens wie eine Eins!) über ihnen am Kruzifix hängt. Schon schickt sich der aufgekratzte Dimitrij an, dem Gottessohn zu einer besseren Haltung zu verhelfen – eine Aktion, die auf der Bühne des Schauspiels Hannover absehbarerweise in den tollpatschigsten Slapstick mündet.
Mit Christus im Arm taumelt er über die Rampe, säbelt ums Haar Kreuz und Bruder um und führt eindrucksvoll vor, das sich der Segen im Hause Karamasow wie überhaupt in der Welt nicht mehr so leicht geraderücken lässt.
Inmitten der Textfluten, die sich in der Bühnenfassung von Dostojewskis Opus magnum über die Zuschauer ergießen, ist dieser szenische Kalauer eine seltene Insel. Martin Laberenz, der mit den «Brüdern Karamasow» bereits seinen fünften Dostojewksi auf die Bühne bringt und damit tollkühn in Castorfs Fußstapfen tritt, inszeniert eine gespaltene Welt: Auf der Drehbühne kreist ein Tribünengestell, das selbst an ein Theater erinnert und in russischen Buchstaben mit CITY, Stadt, beschriftet ist; in der Verlängerung der Rampe hat Bühnenbildner Volker Hintermeier das ...
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Theater heute Juni 2016
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Eva Behrendt
Machen Sie mal alle: Ohhh!», grinst der «Musiktherapeut Hubert Wild» in die Zuschauerrunde und nervt gleich übergriffig weiter: «Staunen Sie mal in Ihren Hocker rein!» Man hatte ja durchaus befürchtet, dass sich dieses in jeder Hinsicht hohle Sitzmöbel, das man eingangs aus Pappmaché selbst hatte basteln müssen, zum zentralen Handlungsträger dieses seltsamen...
Musste das sein, dass noch die dümmsten Vorurteile gleich am Anfang der Reise bestätigt wurden? «Odin!», rief die Mutter auf dem Vorplatz des Bahnhofs in Gera am frühen Sonntagmorgen, «Odin, komm her!» Und der Kleine trabte gehorsam zu den Eltern; sein Vater setzte die Bierflasche an, spannte noch etwas drohend den Rücken, und man konnte nun die Schrift «Thor...
In wenigen Branchen wird so intensiv nach jungen Talenten gefahndet wie in der dramatischen Literatur. Unentdeckt zu bleiben, wenn man etwas zu sagen hat, ist heutzutage kaum noch eine Gefahr. Was allerdings keine Garantie für anhaltende Bühnenpräsenz bedeutet, denn in den Spielplänen müssen die neuen Stücke mit Romanadaptionen und Projektentwicklungen...
