Hannover: Nur die Liebe zählt
Er ist einer der linken Helden unserer Tage: Whistleblower Edward Snowden, der inzwischen incognito in Russland lebt. Auf den Stickern zur Theaterversion des Films «23» ist der Schauspieler Philippe Goos zwar in einer Pose zu sehen, die unverkennbar an den prominenten Geheimnisverräter erinnert. Es ist jedoch das große Verdienst von Regisseur Christopher Rüping, dass seine Inszenierung geschickt die Falle einer ideologischen Heldenverehrung umschifft – und stattdessen die Legende Karl Koch dekonstruiert.
Hinter dem Zerrbild eines der ersten Whistleblower der Geschichte kommt so ein emotional zutiefst verirrter Mensch zum Vorschein, der gerade deshalb vielleicht tatsächlich einiges mit Edward Snowden gemeinsam hat.
Auf der Bühne steht eine Landschaft aus alten Röhrenfernsehern, auf denen zu Beginn wackelige VHS-Video-Bilder flackern. Mathias Rusts Landung auf dem Roten Platz in Moskau 1987 wird kurz nacherzählt. Einfach mal für den Frieden in die Sowjetunion fliegen – solche Aktionen beeindruckten den damals 22-jährigen Karl Koch. Hinter den Fernsehern steht eine hermetisch abgeschlossene Kammer, die ein wenig an die Behausung von Dostojewskis armem Studenten in «Schuld und Sühne» ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Alexander Kohlmann
Der Abend beginnt mit einer Provokation für Kokovoren und andere Fleischverächter. Auf der Bühne werden Schweinskoteletts gebraten, und damit es auch wirklich alle im Publikum riechen können, fächelt der Koch den Zuschauern den Bratenduft entgegen. Wir befinden uns an Bord eines Dampfers, mit dem der Nürnberger Lebensreformer August Engelhardt im Jahr 1902 gerade...
Europa knirscht in seinen Grundfesten. In Brüssel und an den diversen Binnen- und Außengrenzen wird immer hektischer daran gearbeitet, die inneren Fliehkräfte, die es zu zerreißen drohen, und den Ansturm der Hilfesuchenden von außen noch irgendwie zu harmonisieren. Grund genug, auch in der künstlerischen Praxis nach stabilisierenden Zwischenböden zu fahnden,...
So ein zeitgenössischer Theaterautor hat es wirklich nicht leicht heutzutage. Da kommt man in eine Stadt, von der man nicht viel kennt außer Bahnhof, Theater und einem mittelschlechten Vertreter-Hotel auf halbem Weg dazwischen, soll ein möglichst zugkräftiges Stück mit intensivem Ortsbezug entwickeln und dabei auch noch schlauer als alle anderen sein. Nämlich...
