Hamster in der Box
Eine «Wohlfühlkonferenz über allgemeine Zukunftsfragen» könnte es werden. Zuerst einmal geht es für die Dolmetschhamster in ihren schallisolierten Zellen allerdings darum, ob die Räuspertaste funktioniert und die Chinesen vielleicht doch noch kommen. Sie kommen dann natürlich nicht, die Chinesen, dafür erscheint einer der Minister und gibt dem Kollegen aus Spanien endlich Gelegenheit, den Simultantorero auszupacken. Er darf mit zu einem der streng geheimen Hintergrundgespräche, bei denen genau so wenig rumkommt wie vorne an der Konferenzfront.
Dass er dennoch mit stolzgeblähter Brust auf dolmetschende Newcomer herabblickt, gehört genau zum Repertoire einer Zunft, die sich mit Journalisten natürlich auf keinen Fall einlassen darf. Schließlich ist man Geheimnisträger.
Kathrin Röggla recherchiert nicht nur journalistisch akribisch, sie interessiert sich auch für den dramatischen Faktor «Mensch». Das ist auch im Fall von «die unvermeidlichen» so, obwohl Simultandolmetscher ja eigentlich «nur» dem Sprechtempo eines Redners folgen sollen. Interessanterweise hat Marcus Lobbes sich jedoch weniger auf den emotionalen Untergrund des Röggla-Textes eingelassen, sondern die in der ...
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Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Jürgen Berger
Es waren vergleichsweise idyllische Zeiten, als Festivalmacher wie kleine James Cooks durch die Welt reisten und interessante Theaterkompagnien entdeckten, als wären es unbekannte Inselgruppen. Man packte eine New Yorker Off-Off-Produktion ins Körbchen, ließ sich vom Direktor eines argentinischen Hinterhoftheaters unter den Tisch saufen und steckte, vom Kollegen...
Journalisten haben böse Ausdrücke dafür, wenn einer, wie sie sagen, «die Tinte nicht halten kann», und das ist schon selbst einer dieser bösen Journalisten-Ausdrücke. Die Not der Verknappung kennen auch die darstellenden Künste. Am kürzesten ist das Prokrustesbett des Ausdrucks im Film, und das ist ein Grund, warum der Schauspieler Joachim Meyerhoff so gut wie nie...
Romane sind unsichtbar. Das bisschen schwarz-weißes Gewimmel auf kleinen Papierbögen ist ja keine ernstzunehmende visuelle Existenz. Ihnen auf der Bühne zur Sichtbarkeit zu verhelfen, halten viele für einen Liebesdienst. Andere sehen darin nur gedankenfaule
Kinosucht und gegenwartsscheue Nostalgie. Beide Vorwürfe gegen Romane auf der Bühne werden in den zwei Kölner...
