Hamburg: Warschauer Kulturkämpfe

Szczepan Twardoch «Der Boxer» (U)

Theater heute - Logo

Jakub Shapiro ist ein Mann mit vielen Talenten: Er hat Charme, Geld, Frauen, einen gelben Opel Olympia und einen Vorschlaghammer nebst Knochensäge im Kofferraum, mit denen säumige Schuldner totgepügelt, gevierteilt und dann in den Warschauer Lehmgruben versenkt werden.

Die rechte Hand und der Knochenbrecher des Warschauer Bordellkönigs und Schutzgelderpressers Jan Kaplica ist außerdem ein erfolgreicher Boxer, selbstbewusster Sozialaufsteiger und noch selbstbewussterer Jude, der allen Warnungen vor drohenden Pogromen mit dem praktischen Hinweis begegnet, ein Drittel der Warschauer Be­völkerung sei jüdisch, und denen können man kaum allen «die Bärte abschneiden». Shapiro selbst trägt maßgeschneiderte Anzüge und ist selbstverständlich makellos glattrasiert. 

Szczepan Twardochs polnischer Erfolgsroman «Der Boxer» von 2016 erzählt Shapiros Geschichte(n) aus dem swinging Warschau der Zwischenkriegszeit, das sich unmerklich von einer kosmopolitisch-bürgerlichen Metropole in einen politischen Dampfkessel verwandelt. Der Aufstieg polnischer Nationalisten und Faschisten wirft Gräben auf zwischen den Lagern und Ethnien, Jahre bevor Deutschland Polen überfällt. Parallelen zu den Kulturkämpfen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Im Osten viel Neues

Ich hatte mich in den 90er Jahren daran gewöhnt, dass es meinen Chef aus Osnabrück erstaunte, mich Englisch sprechen zu hören, obwohl ich aus dem Osten komme. «Waren die Leute in der DDR eigentlich blöder, oder warum haben da so wenige Abitur gemacht?» Wie sollte ich das erklären ...? Die grobe DDR-Vergangenheitsbetrachtung war mir lange Zeit egal, denn ich habe in...

Beobachtungen der dritten Art

Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen. Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen...

Essen: Selbsterfahrung im Behördendschungel

Leere Lagerhallen und marode Bürogebäude – dieser Teil der Essener Innenstadt hat schon bessere Tage gesehen. Hier, in einer unscheinbaren Außenspielstätte des Schauspiel Essen, hat das für seine technikbasierten immersiven Theaterstücke bekannte Game-Theater machina eX die «Bundesbehörde für Bevölkerungssichtung» eingerichtet. Entstanden aus dem Wunsch des...