Victoria Trauttmansdorff (Zofe Dorine) und Lisa Hagemeister (Elmire), Foto: Armin Smailovic
Hamburg: Mamma mia!
«War doch nett, oder?», schmunzelte der grauhaarige Hamburger seiner zufrieden nickenden Begleiterin mit der Glitzerhandtasche beim Rausgehen zu. Doch nett gemeint war Stefan Puchers «Tartuffe» am Thalia Theater eigentlich nicht. Molières 400 Jahre alte Kirchenkritik, so viel war dem Programmheft zu entnehmen, sollte ihm viel mehr als Vorlage dienen zum Rundumschlag gegen ein populistisches, Fake-News-gläubiges, alternativloses Egoshooter-Heute.
Dass sich das glatt übersehen ließ, ist der Opulenz der Mittel, der Opulenz der Schauspieler und vor allem der ABBA-Tonspur aus den bunten 70ern zu verdanken, als der zugewandte Zuschauer (wie die Mehrzahl des Thalia-Publikums) noch richtig jung war. Auch Kostümbildnerin Annabelle Witt hat sich von den Schweden inspirieren lassen und die muntere Crew in überwiegend grellbunte, rot-orange-pink-stichige Mini- und Maxikleider, Anzüge und kurze Hosen gesteckt, markiert durch noch buntere Dots. Barbara Ehnes hat sie auf eine messingschimmernde, wallewalle-verhängte Drehbühne auf der Bühne in den Stuhlkreis gesetzt, auf der eine (Selbst-)Inszenierung die nächste ablöst, getaktet durch Songs, deren freundlicher Mitsinghit-Charakter durch keinen ...
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Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Barbara Burckhardt
Wir marschieren im Quadrat. Ein komplizenhaftes Nebeneinander und Hintereinander in losen Zweierreihen, das innerhalb weniger Minuten den Verkehr zum Stillstand bringt. Denn unser Marsch führt über vier Zebrastreifen, die eine Straßenkreuzung umspannen – und bald sind alle vier mit uns, dem Publikum, gefüllt. Zur Verblüffung der Autofahrenden, die verharren und...
Das Streben nach Glück an sich ist naturgemäß nichts Verwerfliches, kann aber leicht zu Verwerfungen führen, wenn dabei die Interessen kollidieren. Molières berüchtigter Heuchler «Tartuffe» ist so gesehen nicht nur der abgefeimte Schurke, der sich im frömmlerischen Schafspelz in die Familie seines Gönners Orgon einschmeichelt, um dessen Weib und Wohlstand zu...
Neue Stücke
Zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution gratulieren Milo Rau, Autor eines nach Lenins Hauptwerk «Was tun?» benannten Essays, und das Ensemble der Schaubühne (plus Nina Kunzendorf nach langer Theaterpause!) mit «Lenin» der «wohl folgenreichsten Revolution der Menschheitsgeschichte» (wenn das die Franzosen lesen). Hagiografie oder Dekonstruktion? Bei...
