Hamburg: Kein fester Boden
Zwei Migranten in McJobs: 30. Stock, Fassadenreinigung. Immerhin ist die Bezahlung gut, auf die andere Seite der Glasfassade, in die Vorstandsetage, wird man es ohnehin nicht schaffen. Und: Man ist sicher vor dem Bürgerkrieg im Heimatland. Allerdings ragen die Auswirkungen des Krieges bis ins 30. Stockwerk: Benjamins Familie wurde im Krieg von Rebellen überfallen, sein Vater umgebracht, seine Schwester vergewaltigt. Und Isaac hatte sich vor seiner Flucht den Rebellen angeschlossen, schlimmer noch: Er war der Vergewaltiger.
Maya Arad Yasurs «Diamond Stars» benannte bei der Uraufführung 2010 noch konkrete Länder und Kriege, die Überarbeitung «In der Schwebe» verzichtet auf die klaren Konkretisierungen und fokussiert sich auf den Schwebezustand der Protagonisten, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Migration und Ankommen, zwischen Belastung und Erlösung. Ein Schwebezustand, der in der Migrationsgesellschaft zur Standardsituation wird.
Marion Schindler hat für Alek Niemiros Inszenierung an der Thalia-Nebenspielstätte Gaußstraße ein so einleuchtendes wie funktionales Bühnenbild gebaut: einen langen Sims vor einem halbdurchsichtigen Vorhang, auf dem Bekim Latifi als Benjamin und Steffen ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Falk Schreiber
Das Theater, sagt Arthur Miller, kann nur Wahrheiten enthüllen, die schon bekannt waren, aber noch nicht als Wahrheiten erkannt worden sind. Welche Wahrheiten hat das Düsseldorfer Schauspielhaus enthüllt?
Wahrheit Nr. 1:
Das Theater ist eine Baustelle
Zunächst einmal war das Theater mit sich selbst beschäftigt. Nicht mit seiner Kunst, sondern mit seinem Gebäude....
Till (Stefan Vogl) ist «ein Kunde». Diese aus konsumgesellschaftlicher Sicht maximal missverständliche Vokabel bezeichnete im DDR-Idiom ungefähr das, was heute den Nerd mit dem Aussteiger verbindet. Der realsozialistische «Kunde» trug gemeinhin eine Langhaarfrisur zum Parka und lag sowohl mit fragwürdigen Kollektiv-Erziehungsberechtigten wie der Pionierleiterin im...
Wie leicht es doch ist, aufzufallen in unserer (selbsterklärtermaßen) toleranten, offenen Gesellschaft! Ein ungewohnter Laut im Theater, ein Zucken des Kopfes in der U-Bahn, ein unkontrollierter Ausruf am Strand: Menschen mit Tics können ein Lied davon singen. Leises Pfeifen, Zungenschnalzen und Miau-Laute sind der Sound, mit dem «Chinchilla Arschloch waswas....
