Haltet ein und durch!

Umkreisen von Identität und eine Neuentdeckung: Die Impulse haben mit Florian Malzacher und Stefanie Wenner eine neue Leitung, und vieles hat sich verändert

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Zum Schluss hat sich vor dem Kölner Dom zum Schweigen doch nur ein Häuflein Menschen unter Regenschirmen eingefunden. Lose gruppiert stehen sie um ein aus Mamorgranulat aufgeschüttetes Sechseck. «Halt ein und denke», hat die israelische Künstlerin Yael Bartana als pathetische Devise ausgegeben, um das zweiminütige rituelle Gedenken an den Holocaust in Israel nach Deutschland zu exportieren.

In Israel hält man zu den Sirenen des Jom HaShoa auch auf Autobahnen an und unterbricht das öffentliche Leben fast vollständig. In Köln werden die Sirenen von Blechbläsern übernommen, der 1.

FC Köln stoppt ein paar Kilometer weiter sein Training, in Mannheim stehen die Straßenbahnen still. Und auf der Kölner Keupstraße, wo vor neun Jahren die NSU einen Nagelbombenanschlag verübte, schweigen muslimische Schüler. Doch vor dem Dom kreisen Touristengruppen, prasselt der Regen, stimmen ein paar Gegen-Demonstranten die israelische Nationalhymne an. Dann ist es schon wieder vorbei. Die Kontextverschiebung geht im Stadtgetümmel unter, die Adressaten des Gedenkens sind im Allgemeinen entfleucht.

Bestechend ist allerdings, wie Bartanas so schlichte Idee des Gedenkminuten-Transfers zu wochenlangen ...

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Theater heute August/September 2013
Rubrik: Festivals, Seite 19
von Dorothea Marcus

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