Gift und Gemeinschaft
Das Wiener Burgtheater hatte schon alle Vorstellungen bis 31. März abgesagt, da war der Deutsche Bühnenverein noch verhalten optimistisch. Man gehe davon aus, hieß es am 9. März, «dass der Spielbetrieb in den Orchestern weitgehend regulär weitergeht». Aber man bewerte die Lage täglich neu. Zunächst galten laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 1000 Personen als magische Untergrenze für Veranstaltungen, die abgesagt werden sollten, dann fiel sie auf 500. Auch da hoffte man im Berliner Deutschen Theater, in den kleineren Kammerspielen weiterspielen zu können.
Besonders trickreich zeigte sich das Berliner Ensemble: Man wollte dort den 2. Rang sperren, um unter die 500-Plätze-Schwelle zu schlüpfen. Die Schaubühne wollte in ihren kleineren Sälen auch weitermachen.
Zwei Tage später war der Plan stillschweigend begraben. Am 12. März lud der Berliner Kultursenator Klaus Lederer zum Gespräch. Die staatlichen Theater, Opern und Konzerthäuser würden ihren Betrieb von 13. März bis vorerst 19. April vollständig einstellen und: «Dem werden auch die an der Konsultation beteiligten Privattheater folgen.» Wer vom Ernst der Lage noch immer nicht ganz überzeugt war, dem machte der legendäre Berliner Club Berghain bleierne Beine. Bis 20. April finden auf «allen drei Dancefloors» keine eigenen Veranstaltungen mehr statt. Wenn in der Hauptstadt bei der Spaß- und Feierkultur Schluss mit lustig ist, wird es wirklich ernst.
Am 12. März dann überschlugen sich die Schließungsmeldungen aus deutschen Theatern von Köln bis Kiel, von Hamburg bis München. Mal bis 10., mal bis 19. und auch mal schon bis 30. April machen die Bühnen coronadicht. Der föderale Flickenteppich und die unterschiedlichen Osterferientermine lassen Raum für Kreativität. Auch der Bühnenverein fügte sich widerwillig ins Unvermeidbare. Man halte «die Maßnahmen der zuständigen Behörden zur Minimierung des Infektionsrisikos für notwendig, obgleich sie die Theater und Orchester hart treffen.» Bühnenvereins-Präsident Ulrich Khuon bedauerte, «dass die realen Orte des Zusammenkommens von Menschen» wegfielen: «Das tut der Gesellschaft nicht gut.» Keine Frage, aber überfüllte Krankenhäuser und ein drohender Gesundheitsnotstand tun ihr auch nicht gut. Gemeinschaft kann auch giftig sein.
Pragmatische Reaktionen
Allerdings muss man sich über zu viel Gemeinschaftsgefühl unter den deutschen Wochenendeinkäufern auch keine Sorgen machen. Das ganze Ausmaß des solidarischen Miteinanders war in den Supermarktregalen abzulesen. Nudeln, Reis, Toilettenpapier – alles weg. Einkaufswagenweise wurden Ölsardinenbüchsen weggekarrt. Sogar Kartoffeln waren plötzlich Mangelware. Gegen die Vorsorge-Individualisten sind selbst herbstliche Eichhörnchen blutige Anfänger. Es wird Monate dauern, bis die letzte Konserve ausgelöffelt ist.
Übers Wochenende zerfielen dann auch die größeren Gemeinschaften. Zuerst schlossen Dänemark, Polen, Tschechien und die Slowakei die Grenzen. Dann folgte Deutschland, das Österreich, die Schweiz und Frankreich aussperrte. Der Schengen-Raum war über Nacht Vergangenheit, auch wenn die USA eben diesen Schengen-Raum ihrerseits aussperrten. EU und Globalisierung machten erstmal Pause.
Bewährt pragmatisch die Reaktion von Kulturstaatsministerin Monika Grütters: «Mir ist bewusst, dass diese Situation eine große Belastung for Kultur- und Kreativwirtschaft bedeutet und insbesondere kleinere Einrichtungen und freie Künstlerinnen in erhebliche Bedrängnis bringen kann.» Grütters verspricht: «Wir werden uns dafür einsetzen, dass die speziellen Belange des Kulturbetriebs und der Kreativen miteinbezogen werden, wenn es um Unterstützungsmaßnahmen und Liquiditätshilfen geht.» Sie lasse niemanden im Stich. In die gleiche Kerbe schlug Klaus Lederer: Die Maßnahmen «gefährden bereits sehr akut die Existenz von kleinen Einrichtungen und freien Künstlerinnen und Künstlern ... Hier muss schnell gehandelt werden.» Man wird sie an mehr als ihren Worten messen.
Vor ziemlich genau 100 Jahren kam es mit Franz Kafkas Erzählungen und Romanfragmenten zum ersten Mal in die Welt, das Bild des Menschen als einem von diffusen Mächten fremdbestimmten Wesen. Kafkas K.s, im «Prozess» wie im «Schloss», bewegen sich in einer Welt der Unübersehbarkeiten, die ihnen fremd ist und in der sie Fremde bleiben, gleichwohl unter ständiger Beobachtung.
Im Hamburger...
Es gibt Stücke, die erzählen vom Erwachsenwerden aus der Perspektive von Kindern. Auf einer Videoprojektion ist ein junges Mädchen im Indianerkostüm zu sehen, eine Aufnahme des israelischen Fernsehens. Es verziert den deutschen Ausdruckstanz des letzten Jahrhunderts mit rituellen Bewegungen. Wir sehen an der Berliner Volksbühne: deutsche Tanzgeschichte als exotisches Event. Tanzkenner...
Susanne Sachsse ist irgendwie der Star des Abends: Mit ihrer Paraphrase des schwarzpädagogisch-klassischen Grimmschen Märchens vom eigensinnigen Kind, das seiner Mutter nicht gehorchte und daher auch dem Herrgott nicht gefiel, der es sterben ließ und das nach der Beerdigung immer wieder ein Ärmchen aus dem Grab reckt, als hätte es ihm Stephen King vorgesungen, begann der Abend in der...
