Geschichte der Frontgefühle
Panzerfahrer, Flakartillerist, Kampfpilot, Scharfschütze. Kriegsberufe, kennen wir. Aber Scharfschützin? Gibt’s doch gar nicht?
Maria Iwanowna Morosowa steht stocksteif vor dem Fadenvorhang im Freiburger Kleinen Haus. Berichtet von ihrem ersten Deutschen. Erst hat sie mit ihrer «Jagd»-Partnerin gestritten, wer abdrücken soll. «Ich beobachte. Schieß du!» Die Gelegenheit droht zu verstreichen. «Mein ganzer Körper zittert wie im Fieber. Eine Art Angst ... In mir sträubte sich etwas ... Hinderte mich ... Aber ich nahm mich zusammen, zog den Abzug.
»
Damals, im Feld nahe der belarussischen Dnjepr-Stadt Orscha, wedelte der Wehrmachtsoffizier mit den Armen und fiel um. Hier, im Theater Freiburg, krümmt natürlich nicht die echte Maria Morosowa den Finger, sondern die Darstellerin Laura Palacios. Hinter ihr fallen Cornelia Dörr, Marieke Kregel, Anja Schweitzer, synchron und wie ein Mann.
Die vier erzählen in einer Inszenierung von Malgorzata Warsicka aus Swetlana Alexijewitschs Interviewroman «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht». Die Belarussin collagierte Berichte Hunderter Frauen, die sie in den frühen 1980ern mit Tonband auf dem Tisch und dem Zensor im Rücken befragt hatte. Das Buch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2023
Rubrik: Chronik, Seite 73
von Stephan Reuter
Kammerton a. Der Abend beginnt wie im Konzertsaal. Die Spieler:innen haben sich locker auf der Bühne eingefunden, bei vollem Saallicht, unterhalten sich entspannt, der Keyboarder gibt den Ton vor, das Streichtrio stimmt die Instrumente. Als «Sprachkonzert» wird Sarah Kanes «Gier» gern, etwas verlegen, bezeichnet. Ein Bühnengedicht, das sie auf vier Stimmen C, M, B,...
Statt in den Zuschauerraum wird das Publikum auf die Bühne des Depot 2 geleitet und betritt hier eine seltsame Welt. Sphärische Klänge vermischen sich mit maschinenartigem Summen und Geräuschen, die entfernt an Tierlaute erinnern. Eine weißgekleidete weibliche Schaufensterpuppe hängt waagerecht an einem Seil in der Luft wie ein bizarres Flugobjekt. Langsam wird sie...
Theater heute Herzlich willkommen zur Gesprächsrunde Theaterkritik! Zum Auftakt gleich ein Zitat der Schweizer Kuratorin Bice Curiger, die gerade in der «Neuen Züricher Zeitung» vom 21. März Folgendes geschrieben hat: «Theater-, Kunst-, Literaturkritik – existieren sie überhaupt noch? Ist es nicht so, dass ihre Tage gezählt sind? Zumindest in unserem kleinen,...
