Leerstelle Ich
Kammerton a. Der Abend beginnt wie im Konzertsaal. Die Spieler:innen haben sich locker auf der Bühne eingefunden, bei vollem Saallicht, unterhalten sich entspannt, der Keyboarder gibt den Ton vor, das Streichtrio stimmt die Instrumente. Als «Sprachkonzert» wird Sarah Kanes «Gier» gern, etwas verlegen, bezeichnet. Ein Bühnengedicht, das sie auf vier Stimmen C, M, B, A verteilt und schon fast musikalisch notiert hat: «Die Interpunktion entspricht nicht immer den Regeln der Grammatik, sondern soll die Vortragsweise anzeigen.
» Mit einer konzertanten Rezitation steigt Rüping ein, Benjamin Lillie, Maja Beckmann, Sasha Melroch und Steven Sowah haben sich in die erste Publikumsreihe gesetzt, vom Prompter lesen sie Sarah Kanes Zeilen ab. Auf der Bühne verbleibt einzig Wiebke Mollenhauer, seitlich vor einer Kamera sitzend, die nun ihr Gesicht und alle ihre Regungen auf eine riesige quadratische Leinwand überträgt, stumm.
Sarah Kanes Rede-Initialen sind keine Figuren. Sie erleben keinen Plot, keine sich zuspitzende Handlung, das Einzige, was es gibt, sind Andeutungen: Hinweise auf Traumati -sierungen, sexualisierte Gewalt, Kindesmissbrauch, Selbstzerstörung. Die Stimmen lassen sich ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Andreas Klaeui
Clemens J. Setz’ «Der Triumph der Waldrebe in Europa»
Was heißt hier Wirklichkeit?, fragt sich Renate, Mutter von David, der mit damals acht Jahren vor einiger Zeit bei einem Autounfall umgekommen ist. Und ihre Antwort lautet: «Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns», also ihr und ihrem Mann Konrad. Fortan wird kein Toter betrauert, sondern ein Rollstuhl...
Wenn der Wohlstand und die Stadtkasse in Gefahr sind, dann sieht es schlecht aus mit der Moral. Das machte Henrik Ibsen schon vor 140 Jahren in seinem gesellschaftskritischen Drama «Der Volksfeind» klar. Darin geht es um einen Bade-Kurort, dessen Heilwasser – regionaler Wirtschaftsfaktor Nummer 1 – durch giftige Abwässer verseucht wird. Der Aufdeckung diese...
Theaterarbeit und die Frage nach den Hierarchien ist ein diskursiver Dauerbrenner. Heute heißt es oft, «die hierarchischen Strukturen» innerhalb der Theaterorganisationen müssten als Wurzel vieler Übel des professionellen Theaterschaffens begriffen werden, das ganze (weißmännliche) Machtsystem sei toxisch, korrumpiert, mindestens undemokratisch, «verkrustet» usw....
